Integrierte
Körperstruktur und Menschenbild
in der
Kunst des alten Ägypten
Hans Georg Brecklinghaus
Certified Advanced Rolfer®
Mehr als irgendein Volk des
Altertums oder der modernen Zeiten hatte der Ägypter die Empfindung des
Gleichgewichts: Ordnung durch Gleichgewicht.
Gregoire Kolpaktchy 1)
In den Skulpturen der alten
Ägypter erkannte Dr. Ida Rolf (1896-1979) ihr Ideal von einer höchst ökonomisch
ausbalancierten menschlichen Körperstruktur wieder. Vor vielen Jahren habe ich
Untersuchungen begonnen über Kunst und Kultur des alten Ägypten. Meine
Aufmerksamkeit richtete sich auf den Gebrauch des Körpers im Alltag sowie auf
das Menschenbild und den spirituellen Hintergrund der bildenden Kunst. Die
Ergebnisse dieser Forschung habe ich in einem Buch publiziert.2) Einige Aspekte davon sollen im Folgenden
wiedergegeben werden.
Unterschiedliche Kulturen
bevorzugen im Alltag und in der bildenden Kunst jeweils spezifische Typen von
Körperstruktur. Wenn man diesen Unterschieden in Gegenwart und Geschichte
nachgeht, stellt man fest, dass es offensichtlich eine Beziehung gibt zwischen
der Entwicklung zu voller Aufrichtung des Menschen und der Entwicklung des
menschlichen Bewusstseins. Es hat nur wenige Epochen in der Kunstgeschichte
gegeben, in denen ideale Prinzipien von Körperstruktur und -bewegung zur
Darstellung gebracht wurden. Eine von ihnen ist die Zeit des alten Ägypten.
Hier einige Beispiele:

Abb.1: Ranofer, 2450 v.Chr.
Schreitende Personen wie der
Hohepriester Ranofer waren ein häufiges Motiv ägyptischer Skulpturen und
Flachbildnisse. Strukturell gesehen befinden sich die verschiedenen
Körpersegmente des Ranofer in einer horizontalen Ausrichtung um die vertikale
Körperachse - mit Ausnahme des Brustkorbs, der leicht nach hinten gekippt ist.
Diese „Schreitenden" wurden
oft in einer eigentümlich „künstlichen" Haltung gezeigt zwischen Stehen
und Gehen. Das hintere Bein und der Oberkörper verbleiben in einer senkrechten
Standposition, während das andere Bein vorangeht. Diese physiologische
Doppeldeutigkeit gibt wieder eine Situation des Übergangs, einen Moment der
Gleichzeitigkeit von noch stehen und schon gehen. Diese Gleichzeitigkeit kann
verstanden werden als Polarität von Statik und Dynamik, von immanenter Aktion
und tatsächlicher Bewegung. Wie ich noch zeigen werde, ist dies ist ein Moment
von Handlung aus der Präsenz des Seins heraus.
Das Bild der Tänzerin von Abb.2
ist ein Beispiel für mehr dynamische Bewegung. Die Darstellung zeigt eine
Leichtigkeit der Bewegung, die ihre Ursache hat in einem Extensionsmodus der
Bewegung. Lendenwirbelsäulengegend, der Rücken insgesamt und die Schultern
bleiben selbst in dieser extremen Haltung lang und weit.

Abb.2: Tänzerin, 1200 v.Chr.
Viele ägyptische
Kunstwerke zeigen Menschen bei der Arbeit, beim Sport oder Spiel. Die Skulptur
eines Bierbrauers (Abb.3) arbeitet in einer faltenden Bückhaltung. Knie, Becken
und Rumpf balancieren sich gegenseitig aus. Dank dem Ausdehnungsmodus von
Bewegung sind Körpervorderseite und -rückseite offen und weit. Fußgelenke, Knie
und Hüftgelenke bleiben flexibel. Die Kraft überträgt sich vom Boden in die
Körpermitte und von dort in die Arme. Die Aufmerksamkeit des Mannes ist auf die
Umgebung gerichtet und gleichzeitig im Boden verwurzelt. Wie Ida Rolf einmal
bemerkte, wussten die Ägypter auf irgendeine Art, dass rechtwinklig
funktionierende Gelenke eine Bedingung gesunder Physiologie ist. Nicht nur bei unserem
Beispiel des Bierbrauers, sondern bei den meisten ägyptischen
Menschendarstellungen lässt sich diese scharnierartige Funktion von Gelenken
beobachten.
Abb.3: Bierbrauer, 2450 v.Chr. Die ägyptischen Künstler
arbeiteten nach einem ausführlichen Kanon von Regeln. Ein Gesichtspunkt dieses
Kunstkanons ist für uns besonders interessant. Auf Flachbildern, also auf
Bildern und Reliefs, wurde eine Person stets so dargestellt, dass der
Schultergürtel frontal sichtbar war, und der Beckengürtel im Profil. Das heißt,
gezeigt wurden stets die Tiefenansicht des Beckens und die Breite des
Schultergürtels. Abb.4: Ramses und sein Sohn, 1260 v.Chr. Diese Art der Darstellung kann
als symbolische Veranschaulichung struktureller räumlicher Ordnung angesehen werden.
Denn diese Ordnung ist definiert durch die drei räumlichen Ausdehnungsachsen
des Körpers: die Vertikale (Ausdehnung nach oben und unten), die Horizontale
(zu den Seiten) und die Tiefenachse (nach vorn und hinten). Jede Achse
beinhaltet eine Spannung zwischen zwei Richtungen, und die Beziehung zwischen
den drei Achsen wird beherrscht vom rechten Winkel. Dr. Ida Rolf schrieb einmal: ,,Es
gibt in der Welt verschiedene Ansichten darüber, was Gleichgewicht bedeutet,
und die Definition, die wir benutzen, ist mehrere Jahrhunderte lang nicht mehr
artikuliert worden. Ich vermute, dass sie zur Zeit der alten Ägypter bekannt
gewesen ist... Unser Gleichgewicht - die horizontalen Referenzlinien, die wir
erreichen möchten - ergibt sich durch die Bewegungsinteraktion in drei Ebenen...
Nur wenn diese drei Ebenen in einer ausgewogenen Beziehung zueinander stehen,
kann ich das Ergebnis als Gleichgewichtszustand akzeptieren." 3) Die spannende Frage ist, wie
diese konsequent angewandten Prinzipien eines integrierten Körpers ihren Weg in
die künstlerische Darstellung des Menschen gefunden haben. War dies eine
bewusste Absicht der Menschen, die vor nahezu 5000 Jahren im Land am Nil ihre
Kunst entwickelt haben? Wir wissen, dass herausragende
Weise und Ärzte wie der berühmte Imhotep (2600 v.Chr.) große Kenntnisse und
Fertigkeiten besaßen auf den Gebieten der Massage, der Osteopathie, der
Tonusregulierung (z.B. des Beckenbodens bei Frauen, die geboren hatten) usw.
Aber dennoch können die medizinischen Schriften, die noch erhalten sind, nicht
die Vermutung bestätigen, dass es ein theoretisches Wissen von Körperstruktur
oder ökonomische Bewegungsformen gegeben hat. Was wir jedoch mit Sicherheit
wissen, ist die Tatsache, dass die leitenden Künstler im alten Ägypten
Körperformen und charakteristische Bewegungsmuster sehr präzise und einfühlsam
beobachtet haben. Darüber hinaus haben die Ägypter im Alltag offensichtlich
optimale Bewegungsformen gelebt. Lutz Weber hat in seiner Sport-Diplomarbeit
die ägyptische Rudertechnik bearbeitet. Er konnte durch praktische Experimente
nachweisen, dass die künstlerischen Darstellungen exakt wiedergeben, auf welche
Art die alten Ägypter auf dem Nil und dessen Seitenkanälen gerudert haben. Mehr
noch: er stellte fest, dass es sich in Bezug auf die aufzuwendende Körperkraft
um einen höchst effektiven, also energieschonenden Ruderstil gehandelt hat. 4) Demnach muss es ein intuitives
Wissen um optimale Körperstruktur und Bewegung gegeben haben. Dieses Wissen hat
den spezifisch ägyptischen Stil bildender Kunst stark beeinflusst. Für ein
profundes Verstehen der Intentionen ägyptischer Künstler reichen diese
Zusammenhänge allerdings nicht aus. Bei einer Kultur, die in allen
Lebensbereichen spirituell geprägt war, müssen wir zusätzlich Bewusstsein und Menschenverständnis
der alten Ägypter berücksichtigen. Ursprung und Aufgabe der Kunst in
Ägypten waren weitestgehend religiös bestimmt. Ursprünglich und für lange Zeit
war die Kunst hauptsächlich ein magisches Werkzeug. So dienten z.B. magisch
behandelte Skulpturen des Pharao oder einer Gottheit in Tempeln dem Zweck, die
spirituelle Macht des Pharaos oder des Göttlichen für die Lebenden und für
Ägypten zu bewahren. Interessant ist, dass die Statuen
des Gottes der Künstler und der schöpferischen Kräfte, Ptah, häufig auf einem
Sockel standen, der nach der Hieroglyphe der Göttin Maat, der Göttin der
kosmischen und irdischen Ordnung, geformt war (Abb.5).
Abb.5: Die Göttin Maat, 1300 v.Chr. Das bedeutet, die Grundlage der Kunst
war die Maat als Personifizierung kosmischer und irdischer Ordnung. Das
Hauptmerkmal kosmischer Ordnung aber lag für das Bewusstsein der Ägypter im
Prinzip des Gleichgewichts. Die hohe Wertschätzung der Vorstellung eines
Gleichgewichts findet sich auf allen Lebensgebieten und Ebenen des ägyptischen
Lebens. Dementsprechend musste die Darstellung des Menschen in der Kunst dem
kosmischen Prinzip des Gleichgewichts entsprechen. Für die Ägypter war es nicht
wichtig, individuelle Eigenschaften einer Person wiederzugeben, sondern das
überindividuelle Wesen des Menschen. Dieses Wesenhafte des Menschen schloss die
Gestalt des menschlichen Körpers mit ein. Nicht zufällig waren in der
ägyptischen Sprache die Worte für Wesen und für Gestalt identisch. Für die Ägypter waren vertikale
und horizontale Beziehungen polarer Natur Ausdruck der kosmischen Ordnung, für
welche sie das Symbol des Sonnenlaufes verwendeten. Der Sonnengott hieß am
Morgen (im Osten) Chepri, mittags (im Süden) wurde er Re genannt, abends (im
Westen) Atum, in der Nacht (im Norden) war sein Name Osiris. Die Weisen verwendeten diese
Symbolik für die analogische Beschreibung physischer und geistiger Beziehungen
der Wirklichkeit. Als eine Art Symbolsprache zur Darstellung ihres Wissens, das
inspirativ und imaginativ gewonnen worden war, nutzten sie die Geometrie und
hier besonders den rechten Winkel. So wurde die Beziehung zwischen
Materie und Geist sehr differenziert in einer vertikalen Polarität dargestellt.
Die materielle Welt wurde als Manifestation der geistigen Welt wahrgenommen.
Zusätzlich wurde die Beziehung zwischen Geist und Materie als horizontale
Polarität zwischen Form und Sinn dargestellt. Für die Ägypter waren Form bzw.
Gestalt voller geistiger Bedeutung bzw. Weisheit. Anders ausgedrückt: Der Sinn
war identisch mit der Funktion und drückte sich strukturell aus durch die
materielle Gestalt. Innerhalb der ägyptischen Welt
der Symbole war die Vertikale von großer Bedeutung. Die Ägypter nahmen nämlich
als ein wesentliches Resultat der kosmischen Kräfte der Sonne das Aufrechtseins
wahr. Obwohl sie nicht ausdrücklich über die Schwerkraft „gesprochen"
haben, so haben sie doch die Grundlinie bei Flachbildnissen und den Sockel bei
Statuen eingeführt, als Illustration ihres Gespürs für die Schwerkraft und
deren Resultante, den Antigravitationsfaktor des Erdbodens. Die Vertikale drückte ferner aus
das spirituelle Sein, während die Horizontale für das Handeln in der Welt
stand. Die Tiefendimension bedeutete einen besonderen Aspekt des Tuns, nämlich
für das entschlossene Betreten der physischen Welt. Aus diesen - wenn auch nur grob
umrissenen - Zusammenhängen des ägyptischen Verständnisses vom Menschen wird
klar ersichtlich, dass die augenfällige Betonung einer gut ausbalancierten
Körperstruktur in den bildnerischen Darstellungen dieser Kultur nicht zu
Unrecht von Dr. Rolf, der Begründerin der Rolfing®-Methode, als
frühgeschichtliche künstlerische Umsetzung eines tiefempfundenen Wissens
erkannt wurde. Sie betonte, dass Kunstwerke uns auf
bewusster und unbewusster Ebene beeindrucken. Sie beeinflussen kinästhetische
Empfindungen, die gefühlsmäßige Haltung zum Leben und unsere spirituelle
Haltung. Das bedeutet auch, dass die altägyptische Art der Menschendarstellung
als fruchtbares Symbol für unseren evolutionären Prozess des
körperlich-seelisch-geistigen Sich-Aufrichtens verstanden werden kann. Daher
können in unserer Zeit ägyptische Kunstwerke nützliche Gegenstände für Meditation
und analoges Denken sein. Anmerkungen 1) Gregoire Kolpaktchy,
französischer Ägyptologe. Zitat aus: G.Kolpaktchy, Das ägyptische Totenbuch,
Bern 1970, S.47 (aus dem Vorwort) ·
Copyright: Hans Georg Brecklinghaus (e-mail: brecklinghaus@debitel.net) ·
Veröffentlichung auf dieser Webseite (www.somatics.de)
mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Nach ägyptischem Verständnis ist es ein bestimmter Aspekt der menschlichen
Person, der nicht nur für die Gestalt, die Struktur des Menschen, sondern auch
für die Aufrichtung verantwortlich ist. Dieser Aspekt des Menschen ist sein Ka
- der in der europäischen Tradition der Esoterik Ätherleib oder auch
Bildekräfteleib genannt wird.
2) Hans Georg Brecklinghaus, Die Menschen sind erwacht, du
hast sie aufgerichtet. Körperstruktur und Menschenbild in der
Kunst des alten Ägypten und heute, Freiburg/Br. 1997, 320 S., 115 s/w Abb.
3) Rosemary Feitis (Hrsg.), Rolfing im Überblick, Paderborn
1993, S.76 f.
4) Lutz Weber, Versuch einer Rekonstruktion der ägyptischen
Rudertechnik in der 18. Dynastie., Köln 1978