Lichtblicke
im Dschungel der Gehirnforschung
Von ‚Body and Mature Behaviour’
(1949) bis zur Gegenwart
Robert Schleip
Erstveröffentlichung
in ‚FeldenkraisZEIT’, Vol 1/2000
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„Dieses Buch
beinhaltet die gesamten theoretischen und neurophysiologischen Grundlagen
unserer Arbeit, das sollte jeder ernsthafte Practitioner durchgearbeitet haben”
hieß es in unserer Feldenkrais-Ausbildung.
„Eine Bibel für alle Rolfer”
nannte es sogar meine frühere Lehrmeisterin Ida Rolf.
Die Rede ist natürlich von „Body and Mature Behaviour”,
Moshé Feldenkrais’ wissenschaftlichem Grundlagenwerk. Als Herausgeber der
deutschen Übersetzung1[1] , hatte ich Anfang der neunziger Jahre die
Gelegenheit, mich mit diesem Buch so intensiv zu beschäftigen, wie dies wohl
sonst nur fundamentalistische Bibelforscher mit deren Heiliger Schrift tun.
Klar, dass diese zwei Jahre damals mein Denken und meine Sichtweise ziemlich
umgekrempelt haben. Eines war mir schon vorher klar gewesen - jedoch nicht mit
so vielen beeindruckenden Details : Moshé Feldenkrais hatte nicht nur einen
brillanten Verstand und war topp informiert über den aktuellen Forschungsstand
mehrerer Wissenschaftsdisziplinen seiner Zeit; nein er war auch ein wahrer
Pionier, der mit zahlreichen Impulsen und Denkrichtungen seiner eigenen Zeit
voraus war. Wer’s nicht glaubt: Bitte ein beliebiges Kapitel dieses
theoretischen Grundlagenwerkes unserer Arbeit lesen.
Doch hat es seit dem damaligen Stand – das waren
die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts
– auch etliche Weiterentwicklungen in den
Neuralwissenschaften gegeben, die sowohl einige der von Moshé Feldenkrais
damals vertretenen Ansichten relativieren, als auch für unser Verständnis von
Nervensystem, Verhalten und Bewegung wichtige Impulse beinhalten. Aus meinem
Blickwinkel als Feldenkrais- Pädagoge – sprich „ein lebenslang neugieriger und lernbereiter Mensch” – möchte ich
im Folgenden einige dieser Veränderungen beschreiben, die mich persönlich am
meisten fasziniert haben.
Von Trocken zu Nass
Während in den vierziger Jahren das Gehirn
vorwiegend als ein trockenes elektrisches Leitungssystem gesehen wurde -
vergleichbar einem großen Telegraphen- oder Telefonnetzwerk – hat sich heute
die Aufmerksamkeit immer mehr der Dynamik an den Synapsen zugewandt. Hier kennt
man mittlerweile unzählige flüssige2 Botenstoffe[2]
die für die Vermittlung von Impulsen zwischen Nervenzellen untereinander sowie
zwischen Neuronen und anderen Körperzellen dienen. Die Erforschung dieser „flüssigen“ Prozesse hat nicht nur zur
Psychoneuroimmunologie3[3]
geführt, dem medizinischen Feld mit der rasantesten Anzahl von jährlichen
Neuentdeckungen, sondern so auch zu vielen neuen Einsichten über die
Verknüpfungen zwischen Emotion, Gesundheit, Bewegung und Denken.
Auf dem Stand der vierziger Jahre versuchte Moshé
Feldenkrais noch menschliches Denken, Lernen und Bewegen und die Wirkung seiner
Methode mehr oder weniger ausschließlich über elektrische Leitungsvorgänge im
somatischen Nervensystem zu erklären.
Heute – ein halbes Jahrhundert später – tun dies viele von uns immer
noch. Es liegt jedoch auf der Hand, dass diese durchaus wertvollen
Erklärungsversuche ergänzt werden könnten durch eine Einbeziehung des vegetativen Nervensystems unter
Berücksichtigung psychoemotionaler, immunologische und endokriner (hormoneller)
Aspekte.
Nicht nur für posttraumatische
Belastungsstörungen wurden inzwischen detaillierte Wechselwirkungen zwischen
strukturellen und funktionellen Hirnveränderungen, Emotionalität, Kognition,
Motorik und Lernfähigkeit international erforscht4[4] . Dass die Feldenkrais-Methode auf diesen
Ebenen wesentliche und interessante Wirkungsschleifen beinhaltet, scheint mir
offensichtlich. Leider finden sich diese jedoch bisher entweder gar nicht oder
nur marginal in den schriftlichen Erklärungsmodellen der Methode. Auch in den
meisten Ausbildungsprogrammen hat eine detaillierte Besprechung dieser Aspekte
noch kaum Einzug gehalten.
Fazit:
Wenn wir nicht auf dem Stand der
Neuralwissenschaften vor einem halben Jahrhundert (also dem Stand von Moshé’s
„Body and Mature Behaviour“) stehen bleiben wollen, ist es sinnvoll, sich auch
mit der Einbeziehung von zusätzlichen und jüngeren Erkenntnissen in unsere
Arbeit und Ausbildung zu beschäftigen. In bezug auf das vegetative Nervensystem
und die psychoneuroimmunologischer Erkenntnisse der letzten zwei Jahrzehnte
gibt es hier noch einiges für uns nachzuholen. In bezug auf andere – im
folgenden dargestellte – Konzepte haben wir eine solche wissenschaftliche
Lernbereitschaft bereits bewiesen.
Das Santiago-Modell
Während in den vierziger bis sechziger Jahren das
Gehirn noch als teilweise passiver Informationsverarbeitungs-Mechanismus
gesehen wurde, der auf Außenreize reagiert, sieht man es heute eher als einen
permanent aktiven Organismus. Großes Verdienst für diese modernere Sichtweise
gebührt hierbei den beiden chilenischen Wissenschaftlern Humberto Maturana und Francisco Varela5 [5],
die ihren Ansatz an der Universität von Santiago entwickelten. Laut deren
überzeugendem konstruktivistischen
Modell erzeugt das Gehirn ständig – notfalls auch ohne externe
Außenstimulierung – ein Konzept von der
Welt. Das Nervensystem arbeitet in dieser neuen Sichtweise als geschlossenes
Netzwerk ständig interagierender Elemente. Die früher gängigen Trennungen von
(passiv) sensorischen und (aktiv) motorischen Elementen – bzw. von Input und
Output - lösen sich heute zunehmend auf. Wahrnehmen und Bewegen sind eins.
Der populäre Neuro-Autor Oliver Sacks spricht vom
Gehirn als einer „constrained dreaming
machine”, also einer Traummaschine,
die durch Außenreize nur in bestimmte Bahnen gelenkt wird und ansonsten mit
sich selber „tunnelt“. Interessanterweise findet sich jedoch bereits im letzten
Kapitel des 1949 erschienenen „Reifen Selbst“ Buch von Moshé Feldenkrais ein pionierartiger Hinweis auf diese heute
moderne Sichtweise:
„Das
Nervensystem reagiert also nicht nur passiv auf Reize aus der Umwelt und bleibt
still, solange keine Reize aus der Umgebung eintreffen, sondern wird auch von
sich aus aktiv. Leider ist jedoch unser Wissen über diese wichtige
Eigenaktivität noch sehr begrenzt.”6 [6]
Unser heutiges Wissen darüber ist in der Tat
wesentlich fundierter und detaillierter. So können somatosensorische Phänomene
wie Phantomschmerzen, Tinnitus, Magersucht, und viele Fälle von chronische
Rückenschmerzen auf diesem Hintergrund einer sich selbst erzeugenden
Selbstwahrnehmung viel besser verstanden werden als mit dem damals gängigen Input-Output Model des Nervensystems7 [7]. Auch das Verständnis der gezielten Wirkung
von Feldenkrais Lektionen auf das innere
Körper-Selbstbild (und dessen wahrgenommene Einbettung in die räumliche
Umgebung) bekommt mit dieser moderneren Sichtweise neue und faszinierende
Aspekte.
Da passt es meines Erachtens gut, wenn die
Feldenkrais Methode neuerdings im Amerikanischen zunehmend als eine „somatic practice“ bezeichnet wird. Laut
Thomas Hanna, der Moshé Feldenkrais ursprünglich in die USA einlud, beschäftigt
sich das Feld „Somatics“ mit dem „von innen erlebten Leib“. Zu diesem Ansatz bekennen sich heute neben
der Feldenkrais-Methode auch Rolfing®, Alexander Technik, Trager®
und einige andere Schulen. Anders als im klassischen „physio-therapeutischen“ Ansatz geht es bei diesen „somatic
therapies“ oder „somatic practices“
weniger um eine direkte Beeinflussung von Muskellängen und anderen
äußerlichen Körperaspekten, sondern um eine Stimulierung der aktiv von innen
erzeugten und erlebten somatischen Selbstwahrnehmung. Dass eine Veränderung auf
dieser inneren (Soma) Ebene dann zu
wesentlichen und verblüffenden Veränderungen in äußerlich messbaren (physio)
therapeutischen Variablen führen kann, macht auf dem Hintergrund des modernen
Santiago- Ansatzes eine Menge Sinn. (Siehe das Beispiel von den verkürzten
rückseitigen Oberschenkel-Muskeln in nebenstehenden Kasten).
Hüftbeugung mit Köpfchen
In einer Studie8[8] von 1997 wurde
die Beugungsfreiheit des Hüftgelenkes bei gestrecktem Knie gemessen und bei
einer Versuchspersonen-Gruppe durch direkte Dehnung der rückseitigen
Oberschenkel-
muskeln therapiert. Therapieerfolg
– sprich durchschnittlicher Zuwachs an Bewegungsspiel – mit dieser direkten
physiotherapeutischen Methode: schlappe 6 Grad.
Eine zweiter Gruppe erhielt eine
Stimulierung an einer weit davon entfernten Körperzone: nämlich an der
Übergangsstelle zwischen Hinterhaupt und Nacken; natürlich über denselben
kurzen Zeitraum und mit derselben aktiv-passiven Dehnungsmethode wie die erste
Gruppe. Bewegungszuwachs des Hüftgelenks mit dieser zweiten Methode: satte 13
Grad! – also doppelt so viel wie mit der direkten ersten Methode.
Fazit:
„Moshé Feldenkrais was right” – anstatt
mechanisch an den verkürzten Muskeln zu dehnen, bringt es oft wesentlich mehr
eine Modifikation im inneren Körperselbstbild zu stimulieren; selbst wenn man
hierzu über den Umweg „von innen” und von einem ganz anderen Ende des äußeren
Körpers aus vorgeht.
Dass auf der inneren
somatischen Steuerungsebene der Kopf-Nacken-Übergang eine besondere
Hebelfunktion hat, ist nicht neu. Das war –
aufbauend auf den tierbiologischen Untersuchungen von Albert Magnus –
sowohl Mathias Alexander als auch Moshé Feldenkrais schon in den vierziger
Jahren bewusst.
Lernfähige Tiere
Eines von Moshé Feldenkrais damaligen
Lieblingsthemen war der seiner Ansicht nach radikale Unterschied zwischen einem
vorwiegend reflexgesteuerten Verhalten von Tieren einerseits und der Fähigkeit
zum freien Lernen beim Menschen andererseits. Zwischen angeborene Instinktverhalten
und freier Lernfähigkeit besteht - so Moshé Feldenkrais - ein himmelweiter
Unterschied.
Diese Ansicht gilt heute als überholt. Beispielsweise weiss man nun, dass etliche
Kanarienvögel nicht nur jedes Jahr hunderte neuer Lieder lernen, sondern durch
diesen Lernprozess im erwachsenen Vogelhirn sogar jährlich neue Neuronen
entstehen, eine Fähigkeit die bis vor kurzem selbst beim Menschen als unmöglich
galt. Andererseits haben molekulargenetische Untersuchungen ergeben, dass unser
menschliches Erbgut eine 99,2 prozentige Ähnlichkeit mit dem von Schimpansen
und Bonobos aufweist, die auch zu erstaunlichen Lernleistungen fähig sind. Es
scheint den meisten Biologen heute offensichtlich, dass wir Menschen über
zahlreiche ähnliche instinktive Verhaltenstendenzen verfügen wie unsere
nächsten Verwandten.
In der modernen
Verhaltensforschung spricht man daher kaum noch von Instinkthandlungen (als
einer komplett vorprogrammierten Abfolge von Verhaltenselementen), sondern von
Schlüsselreizen, angeborenen Auslösemechanismen (AAM) und Erbkoordinationen,
die mit erlernten Verhaltenselementen und Reizkonstellationen je nach
Komplexitätsgrad des Gehirns mehr oder weniger frei kombinierbar sind. Der von
Moshé Feldenkrais noch propagierte radikale Unterschied in der
Verhaltensplastizität zwischen Tier und Mensch ist heute also mehr als
fraglich.
Fazit:
· Sollte man als
Feldenkrais-Lehrer vielleicht doch zusätzlich auch etwas mehr über
unterschiedliche angeborene Auslösemechanismen und Signalreize lernen (z.B.
nach Bobath, Vojta, Bainbridge-Cohen, u.a. ), anstatt sich - wie ich dies bisher tat – nur darauf zu
beschränken, über die unbegrenzte Lernfähigkeit des menschlichen Gehirns zu
dozieren? Moshé Feldenkrais machte dazu mit seiner im „reifen Selbst“ erstmals
vorgestellten Beschreibung einer angeborenen Kopplung zwischen Angst und
Beuger-Kontraktion bereits einen Anfang.
· Die
Feldenkrais-Arbeit ist auch bei Tieren möglich; nicht nur bei menschlichen
Erwachsenen und Kleinkindern. Linda Tellington-Jones9[9]
beeindruckende körpertherapeutische Arbeit mit Tieren, die sie aus ihrer
Ausbildung bei Moshé Feldenkrais heraus entwickelte, ist ein überzeugendes
Beispiel hierfür.
Edelmans Neuraldarwinismus
Das hätte mit Sicherheit auch das Herz von Moshé
Feldenkrais erfreut. Jedenfalls sind etliche der heutigen Feldenkrais-Trainer
inzwischen zu Edelman-Anhängern mutiert. Zum ersten Mal ein umfassendes Modell
von der Funktions- und Entstehungsweise des menschlichen Gehirns, das auf
klaren und überprüfbaren neurobiologischen Annahmen beruht und Raum für
individuelle Originalität eines jeden Menschen und persönliche Lernprozesse
lässt. Kein Wunder, dass inzwischen auch Oliver Sacks von Edelman und seinem
neuen Modell des Gehirns schwärmt10[10] .
Gerald Edelman leitet derzeit das Neuroscience
Institut in San Diego, Kalifornien. 1972 erhielt er den Medizin-Nobelpreis für
seine Arbeiten zur Aufklärung der Antikörper-Erkennungsfunktion des
Immunsystems. Kurz danach wandte er sich mit einem nicht minder geringen
Aufklärungs-Elan dem menschlichen Gehirn zu. Seine Vermutung: Ähnlich wie die
stammesgeschichtlichen Evolution und das menschliche Immunsystem arbeitet das
komplexe menschliche Gehirn nach darwinistischen Prinzipien von Vielfalt und
Auswahl, wobei beides millionenfach miteinander vernetzt ist. Sein heute als „Neuraldarwinismus“ oder „Neuronengruppen-Selektions-Theorie“
bezeichnetes Modell11[11]
konnte in den letzten Jahren auf mehreren Gebieten experimentell untermauert
werden.
Ausgangspunkt
ist die Erkenntnis, dass die Anzahl an Synapsen in unserem Nervensystem die
Anzahl unserer Gene um etliche Zehnerpotenzen übertrifft. Mit anderen Worten:
Wie sich unsere Neurone in ihrer Entwicklung miteinander verknüpfen, kann nicht
rein genetisch vorgegeben sein. Laut Edelman bilden sich - ähnlich der
Formierung individuell unterschiedlicher Streifen beim Zebra - innerhalb des
wachsenden Neuronendschungels sogenannte Neuronengruppen. Diese Gruppen
verbinden sich dann jeweils mit unzähligen anderen Gruppen, wobei solche
Verbindungen, die vom betroffenen Individuum oft benutzt werden,
Autobahn-ähnlich ausgebaut werden. Hingegen verkümmern all diejenigen
Verbindungen, die durch die Interaktion dieses Menschen mit seiner spezifischen
Umgebung nicht aktiviert werden, zu holprigen Trampelpfaden oder sterben sogar
ganz ab. Das Gehirn wird betrachtet als darwinistischer Dschungel: Nur der
Stärkere – nein, der besser Vernetzte! – überlebt. Wer sich zur richtigen Zeit
mit den richtigen Partnern verknüpft, gewinnt; den Rest kann man später fast
vergessen. Bill Gates und andere Beispiele aus einem ähnlich wachsenden
(Technologie-)Dschungel lassen grüßen. Ausschlaggebend ist neben der Häufigkeit
der Aktivierung einer Verbindung jedoch auch die Frage, ob gleichzeitig eine
Stimulierung der „Werte-Systeme“ (value systems) im Stammhirn stattfindet, die
wiederum stark lustorientiert arbeiten. Findet eine solche statt, dann heißt es
vom Straßenbauamt: „Dieser spezifische
Streckenausbau wird besonders gefördert“.12[12]
Klar, dass mit diesem Modell so manches von
unserer Feldenkrais Arbeit neuen Sinn macht.
Lustprinzip, Wiederholbarkeit, Erweiterung und Vertiefung der
Verknüpfungen, Nutzen vorhandener individueller Ressourcen, all dies und viele
andere Prinzipien unseres didaktischen Vorgehens bekommen so ein klares
neurobiologisches Fundament. Hurra!
Fazit:
Es scheint, als hätte hier das Genie Feldenkrais
beim Aufbau seiner Lektionen von einem noch größeren Genie abgeschrieben,
nämlich von Mutter Natur und deren Prinzipien bei der Entwicklung des komplexen
menschlichen Gehirns. Beide betonen weniger die Brillanz ihrer verwendeten
neuen Bausteine, sondern deren multiple und dynamische Vernetzung. Mein Tipp:
Edelman lesen. Oder – das geht in die selbe Richtung - gleich weiter lesen zum
nächsten Abschnitt.
Thelens Studien zur motorischen
Entwicklung
Tausende
von Kindern wurden im letzten Jahrzehnt in Esther Thelens
Abteilung an der Indiana University in den USA mit Bewegungs-Sensoren versehen
und gefilmt. Die Babies, Kleinkinder und Kinder krabbeln, grabschen, schaukeln
und spielen wie im täglichen Leben, und die Wissenschaftler sehen ihnen hierbei
durch Einwegscheiben zu. Spannende Frage: Welche vorgegebenen Stufen sind in
der kindlichen Bewegungsentwicklung erkennbar? Stimmt es, was auch Moshé
Feldenkrais noch propagierte, dass es in der gesunden menschlichen Entwicklung
eine klare hierarchische zeitliche Abfolge von Phasen gibt, etwa nach dem
stammesgeschichtlichen Schema „erst amphibien-ähnliches Kriechen, dann reptil-artiges
Krabbeln im homolateralen Passgang, dann säugetieriger contralateraler
Kreuzgang?“
Esther Thelen’s klare Antwort: „No“ - auf deutsch „Schön wär’s“. Zwar gibt es genetische Reifungsfaktoren und
biomechanischen Gliedmaßen-Dimensionen, welche die Bewegungsentwicklung
vorhersehbar beeinflussen, doch spielt die Umgebung
eine wesentliche größere Rolle als bisher angenommen. Laut Thelen13 [13]
kann man die durchschnittliche Bewegungsentwicklung in einer „ontogenetischen Landschaft“ darstellen,
ähnlich dem relief-artigen Abbild eines Hanges mit unterschiedlich tiefen
Flussvertiefungen und Hügeln. Am oberen Hang-Anfang, den frühesten Bewegungen,
gibt es nur wenige Vertiefungen (stereotype Fortbewegungsmuster wie
Beinstrampeln etc.). Weiter unten am Hang, wo die späteren Bewegungsmuster
dargestellt sind, haben sich die obigen Flüsse zu mehreren komplexeren Tälern
aufgespaltet, von denen jedoch einzelne bald flach versanden und andere – vor
allem das spätere Gehen – immer mehr vertieft werden. In dieser komplexen
Relief-Landschaft sind zwar einzelne „Attraktoren“
(Thelen) erkennbar, doch nicht in einer
linearen Abfolge. Jedenfalls erscheint eine klare Phaseneinteilung als
genauso willkürlich, als würde jemand das Flussbild der bayrischen Alpen in 3,
vier oder fünf aufeinander folgende Stadien einteilen wollen.
Laut Thelen gibt es zudem auch große Unterschiede
im jeweiligen Landschaftsbild (bzw. der Bewegungsentwicklung) zwischen mehreren
gesunden Kindern. Offenbar – und das ist ihre These – spielt die individuelle Interaktionsgeschichte
eines Kindes mit seiner spezifischen Umgebung eine viel signifikantere Rolle
als von den bisherigen Theoretikern (etwa Piaget, Gesell, McGraw oder auch
Feldenkrais) vermutet. Womit sowohl Thelen als auch wir wieder bei Edelmans
Modell landen, bzw. dem Bild eines sich selbst organisierenden Gehirns, wo
Versuch und Irrtum, Genetik und Umgebung in einer dynamischen Wechselwirkung
agieren und wo es unerwartet viel Raum für signifikante Zufallseinwirkungen und
Individualität gibt.
Wunderbar
also, dass Frau Professor Thelen schon mehrfach erfolgreich zur Präsentation
ihrer Forschungen im Rahmen einer Feldenkrais-Ausbildung eingeladen wurde.
Berührungs- und Befruchtungs-Punkte zwischen ihrer soliden Grundlagenarbeit und
unseren pädagogisch-praktischen Vorgehensprinzipien gibt es wie bei Edelman
jede Menge, nur bei ihrem Modell einfach noch detaillierter[14].
Fazit:
· Vorsicht vor allzu
simplen und attraktiven Stufen-Modellen über die kindliche
Bewegungsentwicklung.
· Bei der motorischen
Entwicklung des Kleinkindes (vom ersten Strampeln bis zum aufrechten Gang) ist
das individuelle Lernen von enormer Bedeutung. Der Ansatz der Feldenkrais
Methode gewinnt durch die Forschungen von Esther Thelen eine detaillierte
Bestätigung.
Edward
Reeds „Action Systems
In eine ähnliche Richtung hat Edward Reed vom
Franklin & Marshall College in Pennsylvania seine „Theory of Action Systems” 15[15]
entwickelt, die sehr stark auf dem ökologischen Psychologen James Gibson
aufbaut. Bewegungen, egal ob beim Kleinkind oder Erwachsenen, sind nach Reed in
erster Linie Interaktionen mit der
Umgebung, um einen spezifischen Zweck zu erfüllen.
Ob ich mit einer Hand nach vorn gehe, um eine
Rose zu pflücken, oder als Geste beim Sprechen, oder um jemand an die Kehle zu
gehen, mag in einer rein biomechanischen Analyse kaum einen Unterschied machen.
Sowohl für die Bewegungsorganisation des handelnden Gehirns als auch für das
Verständnis einer Bewegung sind dies aber drei ganz unterschiedliche
Handlungen. Je nachdem, in welcher spezifischen Interaktion ich mit meiner
Umgebung bin, werden dabei völlig andere neuronale, emotionale und muskuläre
Aktivierungen ausgelöst; und die genaue Bewegungsgestaltung wird einen
unterschiedlichen Verlauf nehmen.
Anders gesagt, wenn ich in einer klassischen
„Bewusstheit durch Bewegung“ Lektion mit rein introspektiver Selbstwahrnehmung
den Kopf im Sitzen nach rechts und links drehe, ist dies etwas völlig anderes
als wenn ich dieselbe biomechanische Bewegung später im Alltag wiederhole, etwa
um mich beim Rückwärtsparken umzusehen, oder wenn ich ein unzüchtiges Angebot
eines anderen Kursteilnehmers mit einer heftigen Kopfdrehung verbal verneine.
Wirkungsvoller ist es also (wie dies ja nicht selten auch in unseren Lektionen
gemacht wird), wenn bereits in der übenden Gruppensituation auch ein solcher Umweltbezug simuliert wird. Bekanntes
Beispiel: Mit der Kopfrotation der vorgestellten Bewegung einer laufenden Maus
im Zimmer folgen. Dann ist es schon etwas wahrscheinlicher, dass dies auch
Auswirkungen auf meine spontane Drehbewegung beim Ausparken direkt nach der
Stunde hat.
Da leuchtet es mir im Nachhinein endlich ein,
warum wir im Abschlussjahr meiner Feldenkrais Ausbildung bei unseren
Probesitzungen von einem Trainer mit der ständigen Frage gefoltert wurden „which function” wir denn als zentrales
Thema in unserer jeweiligen Sitzung oder Lektion hätten. “Armstreckung” oder „freie Hüftgelenke” genügte da z.B. nicht als Antwort.
Hingegen befriedigten ihn Aktions-Beschreibungen wie „nach etwas Greifen” oder „Aufstehen
vom Sitzen” schon eher. Ich kann
unseren Trainer noch heute hören, wie er mich immer wieder fragte, was meine
Sitzung denn mit „Funktionaler Integration“ zu tun hätte, bzw. welche „Funktion“ ich genau integrieren wolle.
Edward Reed hätte sich gefreut16 [16].
Interessant ist, dass Edward Reed und seine
Kollegen mehrere spezifische „Action-Systems”
heraus gearbeitet haben, die bei unserer Tiergattung - sprich uns Menschen – in
der Interaktion mit unserer Umgebung am verbreitetesten sind. (Siehe Kasten).
Action-Systems
Laut Edward Reed liegen folgende
funktionellen Systeme der spezifischen Organisation und Modifikation
menschlicher Körperbewegungen zugrunde
1)
Grundlegendes Orientierungs- System (Stehen, Sitzen, Liegen, etc.)
2)
Erkundungs-System (Aufschauen, Hinhören, etc.)
3)
Fortbewegungs-System (Gehen, Krabbeln, etc.)
4)
Appetitives System (Ernährung, Atmung, etc.
5)
Manipulatorisches System (Greifen, Halten, Werfen, etc.)
6)
Ausdrucks-System (emotionaler Ausdruck)
7)
Semantisches System (Gesten zur Vermittlung einer informellen Bedeutung)
8)
Spiel-System
Fazit:
Wie wäre es beispielsweise mit einer
Feldenkrais-Lektion, die das „Ausdrucks-System“
als Funktionseinheit zum Thema hat? Nicht nur Schauspiel-Schüler könnten
sehr davon profitieren. Oder – mein persönlicher Favorit – einmal das
Aktions–System „Spielen“ als
funktionelles Thema.
Damasios somatische Marker
Der Neurologe Antonio Damasio leitet in den USA
die weltweit größte neurologische Patienten-Kartei. In seinem Bestseller „Descartes Irrtum“17 [17]
beschreibt er seinen Patienten „Elliot“, der durch einen Tumor im Stirnhirn
eine merkwürdige Persönlichkeitsveränderung erlitt. Zuvor ein charmanter und intelligenter Mann, erweist er sich
zunehmend als „lebensunfähig“: Er steht morgens nicht mehr auf, kann sich seine
Zeit nicht mehr einteilen, stürzt sich in waghalsige finanzielle Abenteuer,
wird eigenartig detailversessen. Er verliert seine Stellung, seine Frau
verlässt ihn, und seinen Freunden kehrt er den Rücken. Trotzdem kann diese
offensichtliche Störung in keinem einzigen Intelligenz- oder
Persönlichkeitstest diagnostiziert werden. Bei allen bekannten Psychotests
schneidet er entweder mit „überdurchschnittlich“ oder „durchschnittlich“ ab.
Damasio vermutet – und bestätigt später auch bei
anderen Patienten – einen Zusammenhang zwischen dem zerstörten Stirnhirnbereich
und einer Kopplung zwischen Denken
und Fühlen. Er ersinnt schließlich
einen Test, in dem Elliots Störung auch experimentell erkennbar ist: Beim
Anschauen von emotional geladenen (grausamen, erotischen, etc.) Dia-Szenen kann
Elliot zwar ganz genau sagen, mit welchem Gefühl man diese Szene assoziieren
würde, sein eigener Hautwiderstand lässt jedoch im Unterschied zu allen anderen
Versuchspersonen keine eigene Berührtheit erkennen, er bleibt „kalt“.
Damasios These: ein rein „rationales Denken“ ist
wider unsere Anatomie und nützt im täglichen Leben kaum. Ein gesunder Mensch
verknüpft – via spezifischen neuronalen Verbindungen, die Damasio heraus-
arbeiten konnte – jeden Gedanken mit einer emotionalen Färbung. Diese
Verbindung geschieht immer über den Körper, über sogenannte „somatische Marker”. Bei komplexen
Entscheidungen – von denen das Leben bekanntlich voll ist – ist eine rein
rationale Lösung meist nicht möglich, da nicht alle Faktoren und nicht alle
Konsequenzen mathematisch exakt vorhersagbar sind. Das Gehirn eines gesunden
Menschen denkt sich dann in die seiner Meinung nach wahrscheinlichsten
Alternativen „hinein”, wobei er meist unterbewusst seinen Körper als Sensorium befragt. Ein Mensch ohne diesen eigenen
somato-emotionalen Bewertungsmaßstab wird wie Elliot im täglichen Leben zum
unfähigen Trottel. Denn mit rein rationaler Überlegung lässt sich selbst so
eine einfache Frage wie „Soll ich heute aufstehen?” nach stundenlangem Grübeln
nicht mit Sicherheit beantworten.
Fazit:
Das tägliche Leben wimmelt von komplexen
Entscheidungs-Herausforderungen. Hierzu ist es sinnvoll, ein sensibles
Körpergefühl entwickelt zu haben, um dessen „somatische Marker” als
orientierenden Wertmaßstab einsetzen zu können. Sport allein dient hier nicht
viel. Feldenkrais, Tai Chi, und andere feinfühlige Körper-Spür-Methoden
hingegen schon. Kein Wunder also, dass in etlichen obersten Management
Trainings heutzutage ein differenziertes
Körpererleben propagiert wird, und dass dort sogar geübt wird, wie man bei
wichtigen Entscheidungen auch das „intuitive
Bauchempfinden” befragt. Das war vor 10-20 Jahren noch ziemlich undenkbar.
Danke, Herr Damasio.
Povinellis körperbewusste Affen
Was ist das menschliche Bewusstsein? Wie ist es
evolutionsgeschichtlich entstanden? Solche Fragen galten bis vor kurzem noch
als unseriös in den Naturwissenschaften. Das hat sich im letzten Jahrzehnt
schlagartig geändert. Nicht nur dank neuer bildgebender Verfahren und daraus
resultierenden neuralwissenschaftlichen Einsichten gibt es einen regelrechten
Boom an Forschungen, und auf internationalen Konferenzen herrscht eine
Aufbruchs-Atmosphäre „wie in Woodstock”18 .[18]
Einer der jungen Stars der Szene ist der Biologe
Daniel Povinelli19 [19],
Leiter des größten amerikanischen pri-matologischen Forschungszentrums in
Louisiana. Seine Theorie: „Selbst-Bewußtsein hat sich zuerst als Körper-Bewußtsein entwickelt, das den Vorfahren der Menschenaffen
ganz neuartige, bis dahin unmögliche Kletterkünste erlaubte.” Seine
Argumentation: Außer Menschen bestanden bisher nur Schimpansen20 [20]
und Orang-Utans (sowie ein einzelner Gorilla) den sogenannten Rotpunkt-Test. Hierbei wird einem Tier
unbemerkt ein roter Punkt auf der Stirn angebracht. Wenn es sich dann vor einem
Spiegel an diese Stelle greift oder sonst eindeutige Bewegungen macht, nimmt
man an, dass es über eine körperliche Selbstbewusstheit verfügt bzw. ein
Konzept vom eigenen Körper präsent hat. Kleinere Affen, selbst wenn diese - wie
etwa Paviane - ein komplexeres Sozialverhalten haben als Orang-Utans, haben
demnach keine körperorientierte „self
conception“, wie Povinelli es nennt21 [21]. Povinellis Frage daher: Was haben oder
brauchen die großen Affen, was die kleineren nicht haben?
Die Antwort fanden er und sein Team im Dschungel Nordsumatras. Sie
untersuchten dort das Fortbewegungsverhalten verschiedener Affenarten in deren
natürlichen Umgebung. Die Analyse der
Videoaufnahmen offenbarte ihnen einen unerwarteten Unterschied zwischen
kleineren und größeren Affen. „Langschwanzmakaken
und Simangs klettern und hangeln recht schematisch durchs Geäst, mit Hilfe
weniger Bewegungsautomatismen. Orang-Utans jedoch auf äußerst variable Weise,
mit Phantasie, Empfindungsreichtum und meisterlicher Bewegungsintelligenz”.
Dies scheint auch sonst zu gelten: Kleinere Affen bewegen sich stereotyp; die
schweren Menschenaffen brauchen erfinderische Flexibilität. Grund: Das brüchige
Geäst erfordert von den schwereren Affen ein abgestufteres Manövrieren, um ohne
Absturzgefahr von Baum zu Baum zu hangeln.
(Siehe Fig.1 und Fig.222 [22])
Povinelli führt seine Hypothese zu mehreren
Schluss-folgerungen für zukünftige Überprüfungen weiter. Eine davon klingt wie
Balsam für unsere Feldenkrais-Ohren und sollte uns zur experimentellen
Bestätigung23 [23]
herausfordern:
„Die Ausführung
von nicht-stereotypen Bewegungen sollte ferner einen Zustand objektiver Selbstbewusstheit
im Menschen erhöhen (...) Wenn man einen höheren Primaten mit einer Situation
konfrontiert, wo seine stereotypen Fortbewegungsmuster nicht mehr ausreichen,
so sollte dies einen Zustand von nach innen gerichteter Aufmerksamkeit
begünstigen, während das Wesen etliche Bewegungsalternativen für die jeweilige
Situation abwägt 24 [24]”.
Fazit:
· Könnte es sein, dass
der vollmundige Titel „Bewusstheit durch Bewegung” mehr als
nur eine attraktive Phrase ist??
· Povinellis
Hypothesen bieten uns faszinierende Forschungsansätze, um die von Moshé
Feldenkrais hinter diesen drei Worten verborgene Hypothese zu verifizieren und
zu spezifizieren.
Herta Flor und das plastische Gehirn
Bekanntlich gibt es im Großhirn eine Region für
die Steuerung des Körpers, die man ‚somatomotorischer
Cortex’ bezeichnet. Manche nennen dies auch das „Homunculus-Gebiet25[25]“,
da man bei einer Zuordnung der einzelnen Gebiete zu den Körperteilen eine
verzerrte Repräsentation des äußeren Körpers darauf erkennen kann. Zunächst war es M.M. Merzenich2 5 gelungen, beim Schimpansen – und später auch beim Menschen
- zu beweisen, dass bei einem
veränderten Gebrauch der Finger bereits nach wenigen Wochen eine
Umstrukturierung im Homunculus stattfindet.
Die Hirnareale von Fingern, die etwa durch eine Fixierung weniger
differenziert benutzt werden, verkleinern sich, während die Areale von Fingern
die vermehrt benutzt wurden, sich vergrößern. Mit anderen Worten: Selbst beim
erwachsenen Gehirn lässt sich durch veränderten Körpergebrauch etwas an der
neuronalen Hardware verändern. Das war ein neuralwissenschaftlicher
Paukenschlag, denn damit war bewiesen, dass selbst die Architektur unseres Gehirns
noch im erwachsenen Alter plastisch, also verformbar ist. Hurra!
Dann gelang dem indischen Neurologen V.S. Ramachandran in San Diego ein
Durchbruch im Verständnis von Phantomschmerzen. Er konnte zeigen, dass bei
Menschen, die nach einer Armamputation häufige Schmerzen im fehlenden Arm
spüren, eine Verzerrung in deren
Homunculus-Gebiet stattgefunden hat: Das ehemalige und jetzt brachliegende
Armgebiet im Cortex wird dann von den daneben liegenden Gesichts- und
Schulterzonen für deren Zwecke rekrutiert. So kommt es dann, dass z.B. Bewegungen oder Berührungen der
Schulter oder des Kiefers zu Erregungen des ehemaligen Handareals führen, und
mangels adäquater Rückmeldung einfach als „Schmerz“ aus diesem ehemaligen Gebiet
weiter verarbeitet werden. 26
[26]
Nun
konnten letztes Jahr (1999) Herta Flor und ihr Team an der Humboldt Universität
Berlin mit neuen bildgebenden Verfahren am lebenden Gehirn zeigen, dass bei
Menschen mit chronischen Rückenschmerzen oft auch eine strukturelle Veränderung
in deren Homunculus-Gebiet stattfindet. Das zum Rücken gehörende Areal breitet
sich auf Kosten angrenzender Gebiete aus. Man könnte auch sagen: Das innere
Körperschema eines solchen Menschen besteht zugroßen Teilen nur noch aus dem
schmerzhaften Rücken. Selbst der Einladung zur Hüftgelenkbeugung kann dann ein
solcher Mensch so begegnen, als sollte er schon wieder seinen schmerzhaften
Rücken bewegen. Mit anderen Worten: Die Schmerzhaftigkeit liegt zu großen
Stücken im Hirn[27] ,
sprich in deren kortikalen Selbstbild und ist dort bereits fest verdrahtet. Was
jedoch nicht heißt, dass es dort nicht wieder verändert werden könne. Das hat
nun – finde ich – einen enthusiastischen Feldenkrais-Paukenschlag für Herta
Flor verdient, nicht wahr?
Zweites Ergebnis ihrer Studien: Wenn ein Gliedmaßen-amputierter
Mensch eine Prothese trägt, neigt
sein Gehirn zu weniger Verzerrungen in seinem Homunculus-Areal und zu deutlich selteneren Erzeugung von Phantomschmerzen als ohne Prothese.28 [28]
Das ist in der Tat verblüffend und zudem eine inspirierende Nachricht für
unsere Arbeit. Mich jedenfalls regte diese Meldung sofort zu folgenden Fragen
an:
· Was macht das Gehirn
mit einer Prothese, was es ohne eine solche nicht macht und was nun zu einer
adäquateren Cortex-Struktur führt?
· Wenn ein differenziertes
sensorisches Feedback im Falle der Prothesen-Träger störende
Cortex-Verzerrungen verhindert und kuriert, könnte man da nicht auch ein
ähnliches Prinzip für die chronischen Rückenschmerz-Patienten nutzen? Wie wäre
es beispielsweise mit einer lustigen „Steißbein-Prothese“ zur Verlängerung der
unteren Wirbelsäule und der Anleitung des Patienten damit differenzierte
Mikrobewegungen (Namen schreiben auf Papier, etc.) auszuführen?
· Wie oft muss man
bestimmte Bewegungen mit solch einer Prothese ausführen, damit diese – wie im
Falle von Flor’s Prothesen-Trägern – zu strukturellen Hirnveränderungen führen?
Würde dies auch – genauso schnell? – mit einer rein imaginativen Prothese
funktionieren?
Andere Anwendungsgebiete wären etwa reale oder
imaginative Ellbogen-Verlängerungen bei Schulterschmerzen, oder auch
imaginative Verlängerungen der Wirbelsäule über dem Schädeldach bei
HWS-Problemen. Klar dass im Lichte dieser Forschungsansätze unsere imaginäre Beckenuhr und andere typischen
Feldenkrais-Tricks neue Dimensionen erhalten. Mit den modernen funktionellen
Magnetresonanz-Untersuchungsmethoden sind die Klärungen solcher und anderer
für unsere Arbeit wichtiger Fragen nun wirklich in Horizont-Nähe gerückt. Einen
jubelnden Trommelwirbel bitte für diese jüngsten Forschungsarbeiten von Herta
Flor.
Zusammenfassung:
· Wir sind
offensichtlich mit unserer Arbeit auf dem richtigen Kurs.
· Es wäre jedoch
unklug, auf dem wissenschaftliche Stand von vor einem halben Jahrhundert stehen
bleiben zu wollen.
· Bei weiterem Schritt-Halten
und Austausch mit den Neuralwissenschaften können wir noch etliche
Inspirationen und Modifikationen unserer Theorie und Praxis erwarten.
Copyright: Robert
Schleip
Erstveroffentlichung
in ‚FeldenkraisZEIT’, Vol 1/2000, Erscheinungsdatum April/Mai 2000.
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[1] Moshé Feldenkreis, „Der Weg zum reifen Selbst – Phänomene
menschlichen Verhaltens“, Junfermann Verlag, 1994
[2] und neuerdings auch gasförmige Botenstoffe
[3] Buchempfehlung hierzu: Candace Pert, „Moleküle der
Gefühle“, Rowohlt Verlag, 1999
[4] Besselt van der Kolk, u.a. Traumaticher Stress, Junfermann
Verlag, 2000
[5] Humberto Maturana, Francisco Varela, Der Baum der
Erkenntnis, Scherz Verlag, 1990
[6] Moshé Feldenkrais, Der Weg zum reifen Selbst, S.245
[7] siehe hierzu mehrere Fachartikel auf meiner Webseite www.somatics.de
[8] Henry Pollard, Graham
Ward, A Study of two Stretching Techniques for improving Hip Flexion Range of Motion,
Journal of Manipulative Physiologocal Therapy, 1997, Vol. 20, p.443-447
[9] Linda Tellington-Jones, Der neue Umgang mit Tieren – die
Tellington Touch Methode, Franckh-Kosmos Verlag, 1993
[10] Oliver Sacks, Neurologie und Seele, in der Zeitschrift
,Letre-International` Vol´54
[11] Gerald Edelman, Göttliche Luft, vernichtendes Feuer, Piper
Verlag, 1992
[12] Eine differenzierte Darstellung von Edelman´s Theorie
findet sich in Kürze in meinem interaktiven Édelman-Spiel` für
Ausbildungsgruppen unter www.somatics.de/edelm_game.htm
[13] Esther Thelen, Linda
Smith, A Dynamic Systems Approach to the Development of Cognition and Action,
MIT Press, 1996
[14] Siehe hierzu: Mark Reese, Bemerkungen zur Konvergenz-Linie
zwischen der Feldenkreis Methode und den Prinzipien Dynamicher Systeme,
FELDENKRAIS FORUM, Heft Nr. 30 / Februar 1997, S.49; sowie: Roger Russell, Wer
ist Esther Thelen und wofür ist sie bekannt?, FELDENKRAIS FORUM, Heft Nr. 32 /
Juni 1998, S.16
[15] Edward
S. Reed, Encountering the World, Oxford University Press, 1996
[16] Leider ist das heute zeitlich nicht mehr möglich, denn
Edward Reed erlitt im Februar 1998 einen tödlichen Herzinfarkt
[17] Antonio Damasio: Descartes’ Irrtum – Fühlen, Denken und
das menschliche Gehirn, dtv Taschenbuch, 1998
[18] so der namhafte Philosoph Daniel Dennett.
[19] Siehe
GEO, Feb. 1998; sowie wesentlich ausführlicher in: Daniel J. Povinelli, John G.
H. Cant, Arboreal Clambering and the Evolution of Self-Conception, The
Quarterly Review of Biology, Vol.70, No.4, p.393-421
[20] Bei Menschen entsteht diese Fähigkeit üblicherweise mit
18.24 Monaten, bei Schimpansen erst mit 4 ½ bis 8 Jahren.
[21] Mein Kater Django bestand diesen Bewusstheits-Test bisher
auch nicht, was seinem zuweilen eifrigen Jagen des eigenen Schwanzes neue
kognitionstheoretische Dimensionen gibt.
[22] Aus Copyright Gründen finden sich alle Illustrationen zu
diesem Artikel nur in der Originalausgabe.
[23] Provinelli erwähnte hierfür die
kognitionspsychologischen Tests von Carver und Wicklung als geeignete
Messinstrumente beim Menschen.
[24] zitiert aus dem zuvor genannten Artikel von Povinelli und
Cant, S.417
[25] Verwirrenderweise wird derselbe Ausdruck „Homunculus“ auch
von einigen Neuro-Philosophen benutzt zur Beschreibung der postulierten
Existenz einer kleinen Instanz im Hirn zur Vermittlung von immatieriellen
„seelischen“ Impulsen auf die dort vorhandenen neuronalen Elemente
[26] Eine kurze aber gute Darstellung der Forschungen von
Merzenich und Ramachandran findet sich in dem ausgezeichneten Buch
„Neurowissenschaften“ von Kandel, E. Schwartz, J. Jessell, T
Spektrum,AkademischerVerlag 1995, S.337-342, 708-710.
[27] Ebenso hat man in den letzten Jahren herausgefunden, dass
es bei chronischen Schmerzen oft auch strukturelle Veränderungen im Rückenmark
gibt, wo die Synapsenarchitektur dann so verändert wird, dass selbst harmlose
Reize nur noch als Schmerz weiter geleitet werden. (Siehe „Der Mythos vom eingeklemmten Nerv“, Süddeutsche Zeitung
17.11.98; auch unter www.somatics.de)
[28] Siehe hierzu: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.99, p.N1; Die Welt, 18.08.99, S.32; Science, Vol.284, S.1979.