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Neurozeption – die drei Regelkreise des Autonomen Nervensystems

Fühlen wir uns sicher? Spüren wir eine Gefahr? Oder ist eine Bedrohung im Raum, sind wir vielleicht gar in einer lebensbedrohlichen Situation? Prof. Dr. Stephen W. Porges von der Universität Illinois in Chicago stellt mit seinem System der Neurozeption die These auf, dass unser Autonomes Nervensystem sich immer auf eine dieser drei Ebenen ausrichtet. Und dass wir damit in unserem Unterbewussten ein Informationssystem tragen, das uns wertvolle Orientierungsmöglichkeiten für Therapie und Alltag geben kann.

Von Prof. Dr. Stephen W. Porges*

Zwei Menschen gehen aufeinander zu - was bestimmt in dieser alltäglichen Situation die Art ihrer Begegnung? Ist sie das Produkt kultureller Prägung, von Familienerfahrungen oder anderen Sozialisationsprozessen? Oder ist sie Ausdruck eines neurobiologischen Prozesses, der direkt in die DNA unserer Spezies einprogrammiert ist? Falls eine neurobiologische Basis vorhanden ist, gibt es dann spezifische Merkmale für das Verhalten der anderen Person? Werden von ihr Gefühle von Sicherheit, Liebe und Behaglichkeit oder von Gefahr ausgelöst? Warum ist es für gewisse Menschen einfach, sich anzukuscheln und eine herzliche Umarmung anzunehmen,  während andere sich zurückziehen und bei derselben Ouvertüre erstarren? Wenn wir einer Person erstmals begegnen - warum lächeln uns einzelne Menschen an und kommen aktiv auf uns zu, während andere ihren Blick abwenden und sich zurückziehen? 

Kann uns die Biologie helfen, Auslöser und Mechanismen solcher Verhaltensweisen zu verstehen? Wird uns das Verständnis darüber, wie Verhaltensweisen neurale Regelkreise auslösen, die soziales Verhalten möglich machen, beim Kreieren von gezielten Interventionen helfen - etwa um das Sozialverhalten von Personen mit psychiatrischen Erkrankungen zu verbessern?

Das Nervensystem bewertet über die Verarbeitung von Sinnesinformationen aus der Umwelt ständig die Risikosituation. Ich habe den Begriff der Neurozeption eingeführt, um die Unterscheidung zwischen drei neuralen Regel- oder Schaltkreisen deutlich zu machen. Damit besser erkannt werden kann, ob Situationen oder Personen sicher, gefährlich oder lebensbedrohend wirken. Aufgrund des Erbes unserer Spezies findet Neurozeption in primitiven Teilen des Gehirns statt, ohne bewusste Erkenntnis. Je nachdem, ob wir eine Person als sicher oder gefährlich wahrnehmen, löst das ein neurobiologisch gesteuertes, prosoziales oder ablehnendes Verhalten aus. Auch wenn wir uns der Gefahr kognitiv nicht bewusst sind, hat unser Körper auf der neurophysiologischen Ebene bereits eine Sequenz neuraler Prozesse gestartet, die zu adaptivem Verteidigungsverhalten  wie Kampf, Flucht oder Starre führen.

 

Oft gibt es eine Spaltung zwischen kognitiver Einschätzung und körperlicher Reaktion.

 

Häufig entdeckt unser Nervensystem Gefahr oder Lebensbedrohung, wenn wir uns in einer neuen Umgebung befinden oder eine fremde Person treffen. Kognitiv mögen wir die Situation als sicher einschätzen und uns sagen, dass es keinen Grund gibt, sich zu fürchten. Allerdings gibt es oft eine Spaltung zwischen kognitiver Einschätzung und körperlicher Reaktion. Menschen zittern, ihre Gesichter erröten, von Händen und Stirn strömt der Schweiss, sie werden bleich oder fallen gar plötzlich in Ohnmacht.

  

Sicherheit fördert pro-soziales Verhalten

Die Neurozeption erklärt, warum ein Baby bei einer vertrauten Betreuungsperson zufrieden gurrt und bei der Annäherung eines Fremden brüllt. Oder warum ein Kleinkind eine sanfte elterliche Umarmung geniesst, dieselbe Geste bei einem Fremden jedoch als Angriff erlebt. Wir können diesen Prozess sehen, wenn zwei Kinder miteinander spielen. „Nettes Zusammensein“ ist eine nützliche Metapher, die uns durchs ganze Leben begleitet. Sie passiert einfach, wenn unsere Neurozeption Sicherheit wahrnimmt und physiologische Zustände fördert, die soziales Verhalten unterstützen. Pro-soziales Verhalten kommt nicht vor, wenn unsere Neurozeption Umweltreize falsch interpretiert und physiologische Zustände auslöst, die defensive Strategien unterstützen. Immerhin ist „nett sein miteinander“ nicht das passende und adaptivste Verhalten in gefährlichen oder lebensbedrohenden Situationen. Dort reagieren Menschen, wie andere Säugetiere, mit primitiveren neurobiologischen Verteidigungssystemen. Um Beziehungen aufzubauen, müssen Menschen solche Verteidigungsreaktionen oft unterdrücken. Sonst haben sie das Gefühl, sie könnten nicht in Beziehung treten, sich verbinden und anhaltende soziale Bindungen formen. Menschen haben anpassungsfähige neural gesteuerte Verhaltenssysteme, sowohl für pro-soziales als auch für defensives Verhalten.

Unter welchen Bedingungen kann sozialer Austausch stattfinden, während die Verteidigungsmechanismen ausser Kraft gesetzt werden? Um wirkungsvoll von Defensive auf soziales Engagement umzuschalten, muss das Nervensystem zwei Dinge tun: 1) das Risiko bewerten, und 2) wenn die Umwelt als sicher wahrgenommen wird, die primitiven Schutzreaktionen von Kampf, Flucht und Starre untersagen.

Wenn Neurozeption eine Person als sicher identifiziert, dann hemmt ein neuraler Schaltkreis aktiv Gebiete des Gehirns, welche die Verteidigungsstrategien Kampf, Flucht, und Erstarrung organisieren.

Sinnesinformation aus der Umwelt erlauben dem Nervensystem, ständig das bestehende Risiko wahrzunehmen. Im Laufe der Evolution haben sich neue neurale Systeme entwickelt. Sie verwenden einige Gehirnstrukturen, die bei Verteidigungsmechanismen eine Rolle spielen, auch für die Unterstützung von sozialem Engagement. Neurozeption fördert die Entwicklung sozialer Bindungen und schafft Gelegenheiten für die Fortpflanzung (Porges, 1998, 2003).

 

Soziales Engagement und Verteidigungsmechanismen

Soziale Aktivität kann wie Verteidigungsverhalten passend oder, abhängig vom gegenwärtigen Risikoniveau, der Situation nicht angepasst sein. Aus klinischer Sicht können psychopathologische Merkmale entweder die Unfähigkeit einer Person sein, Verteidigungssysteme in einer sicheren Umwelt zu hemmen, oder aber Verteidigungsmechanismen in einer unsicheren Umweltzu aktivieren, oder beides. Nur in einer sicheren Umgebung ist es angemessen, gleichzeitig Abwehrmechanismen zu hemmen und vertrauenswürdige soziale Kontakte zu knüpfen.

Wenn unser Nervensystem Sicherheit wahrnimmt, passt sich unser metabolisches Verlangen an. Stressreaktionen in Verbindung mit Kampf und Flucht werden durchs Sympathische Nervensystem gesteuert. Die Zunahme des Pulses  und die erhöhte Cortisolmenge werden gedämpft (Bueno et al., 1989).  Ähnlich hält uns die Neurozeption der Sicherheit davon ab, physiologische Zustände zu entwickeln, die durch einen massive Fall von Blutdruck und Puls,  Ohnmacht  oder das vorübergehende Anhalten der Atmung charakterisiert sind. Zustände, die "Starre" und „Shutdown“ unterstützen.

Wie weiss das Nervensystem, wann die Umwelt sicher, gefährlich oder lebensbedrohend ist? Welche neuralen Mechanismen bewerten  das Risiko in der Umgebung? Neue Technologien wie die funktionelle Kernspintomographie haben spezifische neurale Strukturen identifiziert, die beim Ermitteln des Risikoniveaus beteiligt sind. Spezifische Areale des Gehirns entdecken und bewerten Merkmale wie Körper- und Gesichtsbewegungen und Vokalisierungen, die zu einem Eindruck von Sicherheit oder Vertrauenswürdigkeit beitragen. Forscher haben ein Gebiet im Kortex identifiziert, das aktiviert wird, wenn wir familiäre Gesichter sehen und ihre Stimmen hören. Dieser Prozess, familiäre und vertrauenswürdige Personen zu identifizieren und die Absichten anderer auf der Basis "biologischer Bewegungen" des Gesichtes und der Gliedmassen zu bewerten, scheint im Temporallappen unseres Kortexs lokalisiert zu sein (Adolphs, 2002; Winston u. a., 2002). Wenn Neurozeption eine Person als sicher identifiziert, dann hemmt ein neuraler Schaltkreis aktiv Gebiete des Gehirns, welche die Verteidigungsstrategien Kampf, Flucht, und Erstarrung organisieren. Die Entdeckung geringer Veränderungen der biologischen Bewegungen kann eine Neurozeption von "sicher" nach "gefährlich" verlagern.

Die Neurozeption erklärt, warum ein Baby bei einer vertrauten Betreuungsperson zufrieden gurrt.

In Anwesenheit einer Sicherheit ausstrahlenden Person stellt die aktive Hemmung von Gehirnarealen, welche die Schutzstrategien kontrollieren, eine Gelegenheit fürs spontane Auftreten sozialen Verhaltens. So sorgt das Auftauchen eines Freundes oder eines wohlmeinenden Menschen dafür, dass die neuralen Schaltkreise im Gehirn unterdrückt werden, welche die Schutzstrategien regulieren. Und als Folge davon werden Nähe, körperlicher Kontakt und andere soziale Verhaltensweisen möglich. Erscheinen Situationen hingegen als riskant, werden die Gehirnschaltkreise, welche die Verteidigungsstrategien regulieren, aktiviert. Soziale Annäherungen werden mittels aggressivem Verhalten oder Rückzug beantwortet.

 

Immobilisation ohne Furcht

Das menschliche Nervensystem bereitet uns auf drei Hauptverteidigungsstrategien vor - Kampf, Flucht und Erstarren. Wir sind mit dem Kampf- und Fluchtverhalten vertraut, aber wir wissen weniger über die Verteidigungsstrategie der Immobilisation oder des Erstarrens. Diese Strategie, die wir mit frühen Wirbeltieren teilen, wird bei Säugetieren oft als "sich totstellen“ umschrieben.  Beim Menschen beobachten wir einen Stillstand, der häufig von einem schwachen Muskeltonus begleitet ist. Physiologisch verlangsamen sich Puls und Atmung, der Blutdruck fällt ab. 

„Nett sein miteinander“ ist nicht das passende und adaptivste Verhalten in gefährlichen oder lebensbedrohenden Situationen.

Immobilität ist eine der ältesten Schutzmechanismen unserer Spezies. Das Unterdrücken von Bewegung verlangsamt den Metabolismus und hebt unsere Schmerzschwelle. Aber zusätzlich zum defensiven Erstarren, immobilisieren sich Säugetiere für notwendige pro-soziale Aktivitäten, einschliesslich der Konzeption, Geburt, der Umsorgung von Neugeborenen und des  Aufbaus von sozialen Bindungen. Wenn zum Beispiel ein Säugling gestillt wird, muss die Mutter ihre Bewegungen einschränken. Auch das Fortpflanzungsverhalten beinhaltet einen Grad der Immobilität. In vielen Säugetieren löst Erstarrung, bedingt durch Zustände grosser Furcht, tiefgreifende physiologische Änderungen aus (dramatische Verlangsamung des Herzschlags, Ende des Atmens, Fallen des Blutdrucks), die tödlich sein können (Hofer, 1970; Richter, 1957).

Durch den Prozess der Evolution wurden neurale Regelkreise im Gehirn, die ursprünglich am Erstarrungsverhalten beteiligt waren, modifiziert - um intimen sozialen Bedürfnissen zu dienen. Im Laufe der Zeit entwickelten diese Gehirnstrukturen spezialisierte Rezeptoren für ein unter dem Namen Oxytocin bekanntes Neuropeptid. Oxytocin wird während des Geburtsprozesses und beim Stillen freigesetzt. Es wird im Gehirn auch während Aktivitäten ausgeschüttet, die soziale Bindungen bilden helfen (Carter, 1998; Carter und Keverne, 2002; Insel und Jung, 2001). Wenn wir also unsere Umgebung als sicher wahrnehmen, erlaubt uns die Freisetzung von Oxytocin, eine tröstende Umarmung ohne Furcht zu geniessen. Identifiziert unser Nervensystem jemanden als gefährlich, dann wird kein Oxytocin freigesetzt und wir wehren den Versuch einer anderen Person ab, uns zu umarmen.

 

Soziales Engagement: Vorspiel für eine Soziale Bindung

Um eine soziale Bindung zu entwickeln, ist es nicht ausreichend, Abwehrsysteme zu hemmen. Menschen müssen sich auch körperlich nahe sein. Das gilt für eine Mutter und ihren Säugling ebenso wie für zwei Erwachsene, die eine soziale Bindung formen. Wenn die Entwicklung von sozialen Bindungen ausschliesslich von willentlichen körperlichen Bewegungen abhinge, um körperliche Distanz  zwischen Individuen zu reduzieren, dann wären Säuglinge mit unausgereiften motorischen Systemen ausserordentlich benachteiligt. Bei Menschen ist die neurale Regulation der spinalen motorischen Bahnen zur Zeit der Geburt noch unausgereift und nimmt mehrere Jahre in Anspruch, um sich voll zu entwickeln. Glücklicherweise hängt soziale Aktivität nicht davon ab, wie gut wir unsere Gliedmassen steuern und unseren Körper bewegen können. Willentliche Glieder- und Rumpfbewegungen erfordern neurale Bahnen, die den Kortex mit den spinalen Nerven (d. h. corticospinalen Pfaden) verbinden. Soziales Engagement wird geprägt von der Fähigkeit, unsere Gesichts- und Kopfmuskeln über Pfade steuern zu können, die den Kortex mit dem Stammhirn (d. h. corticobulbaren Pfaden) verbinden. Diese Muskeln formen unseren Gesichtsausdruck, sie erlauben uns mit dem Kopf Gesten zu machen, geben unserer Stimme den Ton, steuern unsere Blickrichtung, und erlauben uns, menschliche Stimmen von Hintergrundgeräuschen zu unterscheiden. Corticospinale Bahnen zum Spinalverv steuern die Muskeln, die Rumpf und Gliedmassen kontrollieren; corticobulbare Bahnen zu den Cranialnerven regulieren die Gesichts- und Kopfmuskeln. Die corticobulbaren und die Bahnen innerhalb der Cranialnerven (speziell viszeral afferente, also nach aussen führende), welche die Muskeln von Gesicht und Kopf steuern, sind schon bei der Geburt ausreichend myelinisiert, um dem Säugling zu erlauben, einem Fürsorger durch Vokalisieren oder Grimassen Zeichen zu geben. Mittels Blickkontakt, Lächeln und Lutschen kann das Neugeborene mit den sozialen und nährenden Aspekten der Welt in Beziehung treten (Sarnat, 2003). 

 

Neurozeption fördert die Entwicklung sozialer Bindungen.

Die neurale Steuerung der Gesichts- und Kopfmuskeln beeinflusst die Wahrnehmung des sozialen Verhaltens von anderen und kann soziale Distanz reduzieren, indem sie Menschen (einschliesslich Säuglingen) erlaubt:

Augenkontakt herzustellen;

mit einem ansprechenden Tonfall und Rhythmus zu vokalisieren;

kontingente, zufällige Gesichtsausdrücke zu zeigen;

die Mittelohrmuskeln so abzustimmen, dass die menschliche Stimme von Hintergrundgeräuschen effektiver unterschieden wird;

 

Andernfalls - wenn der Tonus dieser Muskeln reduziert ist - zeigt sich ein Phänomen, das spontan als Antwort auf eine Neurozeption der von Gefahr oder Lebensbedrohung in der externen (z.B. einer gefährlichen Person oder Situation) oder internen (z.B. Fieber, Schmerz, physische Krankheit) Umwelt vorkommt:

das Herabhängen des Augenlids;

die Stimme verliert an Tonfall;

positive Gesichtsausdrücke nehmen ab;

das Bewusstsein für den Klang der menschlichen Stimme wird weniger subtil;

die Empfindlichkeit für soziales Engagement bei anderen nimmt ab.

 

Es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass die Neurozeption von Gefahr oder  Lebensbedrohung in Bezug auf die externe Umwelt (eine Person oder Situation) oder die innere Umwelt (unangenehme Symptome) vorkommen kann. Sogar gefühlsschwacher (nicht einmal böser, ärgerlicher) Gesichtsausdruck kann eine Neurozeption von Gefahr oder Furcht auslösen und die Entwicklung von spontanem interaktiven und gegenseitigen sozialen Engagement stören. So kann der ausdrucksschwache Affekt eines deprimierten Elternteils oder eines kranken Kindes eine vergleichbare Spirale auslösen, die auf eine kompromittierte emotionale Regulierung und beschränkte spontane soziale Aktivität hinausläuft.

 

Drei Neurale Regelkreise steuern die Rückkopplung

Wo kommen die komplizierten neural dirigierten Systeme her, die das pro-soziale und defensive Verhalten von Menschen prägen? Säugetiere, einschliesslich Menschen, müssen Freund vom Feind unterscheiden, die Sicherheit ihrer Umwelt bewerten und mit ihrer sozialen Kompetenz kommunizieren können, um zu überleben. Gemäss der Polyvagalen Theorie (siehe Porges, 1995, 1997, 1998, 2001) haben Säugetiere - insbesondere Primaten - Gehirnstrukturen entwickelt, die sowohl soziales als auch defensives Verhalten regulieren. Mit anderen Worten: Evolutionäre Kräfte haben menschliche Physiologie und Verhaltensformen geprägt. So wie das Nervensystem der Wirbeltiere im Verlauf der Evolution komplexer wurde, vergrösserte sich ihr affektives und das Verhaltensrepertoire. Produkt dieses phylogenetischen Prozesses ist ein Nervensystem, das Menschen mit der Fähigkeit ausstattet, Emotionen auszudrücken, zu kommunizieren und körperliche wie verhaltensbezogene Zustände zu regulieren.

 

Die Polyvagale Theorie verbindet die Evolution der neuralen Regulierung des Herzens mit der affektiven Erfahrung, emotionalem Ausdruck, Gesichtsmimik und -gesten, vokaler Kommunikation und sozialer Aktivität als Antwort auf das Verhalten von anderen. Die Theorie weist darauf hin, dass die neurale Kontrolle des Herzens neuroanatomisch mit der neuralen Kontrolle der Muskeln von Gesicht und Kopf verbunden ist. Sie beschreibt drei Stadien von Entwicklung im Autonomen Nervensystem von Säugetieren. Getrennte neurale Schaltkreise unterstützen jede der drei hauptsächlichen adaptiven Verhaltensstrategien:

1.    Immobilisation

  • Todstellreflex, Verhaltensstarre
  • Abhängig vom ältesten Zweig des Vagus-Nervs, ein unmyelinisierter Teil, der einem Areal des Stammhirns entstammt, der als dorsaler motorischer Nukleus des Vagus benannt ist und auch bei den meisten Wirbeltieren vorkommt.

2.    Mobilisation

  • Kampf- und Fluchtreaktion
  • Abhängig von der Wirkung des Sympathischen Nervensystems, das mit vermehrter metabolischer Aktivität und der Erhöhung der Herzschlags (z.B. schnellerer Herzschlag, stärkere Herzkontraktionen) assoziiert ist.

3.    Soziale Kommunikation oder soziales Engagement 

  • Gesichtsausdruck, Stimmgebung, Zuhören
  • Abhängig vom myelinisierten Vagus, der seinen Ursprung in einem Gebiet des Stammhirnes hat, das als Nukleus Ambiguus bekannt ist. Der myelinisierte Vagus fördert Gelassenheit, indem er den Einfluss des Sympathischen Nervensystems auf das Herz hemmt.

 

Säuglinge, kleine Kinder und Erwachsene brauchen soziale Kontaktstrategien, um positive Bindungen und soziale Beziehungen zu formen. Unser Modell, das auf der Polyvagalen Theorie begründet ist, vernetzt soziales Engagement mit Bindung und dem Entstehen von sozialen Kontakten durch folgende Schritte:

  • Drei wohldefinierte Schalt- und Regelkreise unterstützen soziales Verhalten, Mobilisation und Immobilisation.
  • Unabhängig von bewussten Kognitionen bewertet das Nervensystem Risiken in der Umwelt und reguliert den Ausdruck adaptiven Verhaltens - um sich per Neurozeption einer Umwelt anzugleichen, die entweder sicher, gefährlich oder lebensbedrohend ist.
  • Es braucht eine Neurozeption von Sicherheit, bevor soziales Engagement stattfinden kann - begleitet von Vorteilen der mit sozialer Unterstützung verknüpften physiologischen Zustände.
  • Soziales Verhalten verbunden mit Kinderbetreuung, Reproduktion und dem Aufbau von starken Paar-Bindungen erfordert Immobilisation ohne Furcht.
  • Oxytocin, ein an der Bildung sozialer Bindungen beteiligtes Neuropeptid, macht Immobilisation ohne Furcht möglich – indem defensives Erstarrungsverhalten blockiert wird.

 

Spontane soziale Kontakte verbessern

An unserem Institut verwenden wir eine neu entwickelte biologisch begründete Verhaltensintervention, die auf den Grundsätzen der Polyvagalen Theorie basiert. Wir testen den Ansatz bei Individuen mit Autismus und sozialen Kommunikationsproblemen. Unser Modell geht davon aus, dass bei vielen Menschen mit sozialen Kommunikationsproblemen, Autismus eingeschlossen, das soziale Aktivitätssystem neuroanatomisch und neurophysiologisch intakt ist. Und doch beteiligen sich diese Personen nicht an ungezwungenem pro-sozialen Verhalten. Um spontane soziale Kontakte zu verbessern, stimulierten wir über eine akustische Intervention die neuralen Schaltkreise, welche die Muskeln von Gesicht und Kopf steuern. Die Polyvagale Theorie sagt, dass sich bei einer kortikalen Regulierung der am Sozialen Engagement beteiligten Stammhirn-Strukturen soziales Verhalten und Kommunikation von selbst ergeben - als natürlich zum Vorschein kommende Eigenschaften dieses biologischen Systems.

 

Die Intervention "stimuliert" und "trainiert" akustisch neurale Bahnen, die am Zuhören beteiligt sind und regt gleichzeitig die Funktion anderer Aspekte sozialer Aktivität an. Die Töne sind durch einen Computer verändert worden, um die neurale Regulierung der Muskeln des Mittelohrs systematisch zu modulieren. Theoretisch gesehen müssen diese Muskeln während des Hörens gesteuert werden. Die Nerven, welche die Muskeln kontrollieren, sind neuroanatomisch mit Nerven verbunden, die andere Muskeln des Gesichtes und Kopfs steuern, welche bei sozialer Beteiligung aktiv sind. Vorläufige Ergebnisse sind vielversprechend. Sie legen nahe, dass Interventionen gezielt entworfen werden sollten, um spontanes soziales Verhalten zu fördern: 1) Diese sollten sicherstellen dass der Kontext bei Teilnehmern zu einer Neurozeption von Sicherheit führt, womit das soziale Aktivitätssystem funktionieren kann; 2) Die neurale Regulation des sozialen Engagements muss regelmässig geübt werden. Wir können uns dann so verhalten, dass soziales Engagement und positive Bindung ermutigt werden. 

 

Die Konzentration auf biologisch begründetes Verhalten, das bei allen Menschen vorkommt, erlaubt die Entwicklung von neuen Interventionsparadigmen für Personen mit gestörtem sozialen Verhalten. Wir können die Umwelt verändern, sie

sicherer machen und so die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass Mobilisations- oder Immobilisationsreaktionen hervorgerufen werden. Wir können auch direkt intervenieren, indem wir  die neurale Regulation von Stammhirn-Strukturen trainieren, die neurale Regulation des sozialen Engagements stimulieren und positives soziales Verhalten ermutigen.

 


* Prof. Dr. Stephen W. Porges ist Professor an der Illinois Universität in Chicago, wo er zusammen mit seiner Frau Prof. Dr. Sue Carter das Gehirn-Körper-Zentrum am Psychiatrischen Institut leitet. Wir haben die von ihm entwickelte Polyvagale Theorie im letzten Trauma Newsletter vorgestellt. Prof. Porges gastiert im August 2005 wieder in der Schweiz, am 19. August für eine Abendveranstaltung in Zürich, vom 21. – 23. August für ein 3-tägiges Seminar in Weggis. 

 

Finale Übersetzung ins Deutsche: Urs Honauer (http://www.polarity.ch/">www.polarity.ch)  Juni 2005