Der Weg zum reifen Selbst
Moshe Feldenkrais
Originaltitel:
Body and Mature Behavior
Herausgeber: Robert Schleip, Feldenkrais Pädagoge
Junfermann Verlag (Postfach 1840, 33048 Paderborn,
Tel. 05251-34034, Fax. 05251-36371)
Vorwort
des Herausgebers
1943/44
- mitten im zweiten Weltkrieg: In einem abgelegenen Ort in Schottland hat die
britische Regierung einen kleinen Kreis von als besonders wertvoll erachteten
Wissenschaftlern in Sicherheit gebracht. Es sind Topwissenschaftler aus allen
möglichen Bereichen, unter ihnen Dr. Moshe Feldenkrais, der kurz zuvor von
Frankreich kommend, auf recht abenteuerliche Weise in England gelandet ist. Mit
zwei hochbrisanten Koffer in der Hand in denen sich die technischen
Informationen über die ersten französischen Kernspaltungs-Forschungen befanden,
an der er selbst zuvor zusammen mit Juliot-Curie in Paris gearbeitet hatte.
Da es
vielen von ihnen an diesem abgelegenen Ort an den gewohnten
Forschungsmöglichkeiten und -werkzeugen mangelt, nutzen sie einen Teil der
Zeit, um sich in Vortragsabenden mit anschließender Diskussion über
wissenschaftliche Themen auszutauschen, an denen einzelne von ihnen arbeiten.
Die Themen sind sehr unterschiedlich; nicht alle der Vortragenden verstehen es,
ihr Publikum anzuregen und zu faszinieren. So kann es schon mal vorkommen, daß
mehrere Zuhörer dabei einschlafen, und die Vortragenden die einzigen zu sein
scheinen, die an ihrem Thema interessiert sind. Doch es gibt auch solche, die
alle anregen und jedesmal sehr beliebt sind.
Einer
von ihnen macht mit seinen Vorträgen und provozierenden Thesen besonders
Furore. Seine Vorträge werden immer beliebter und führen jedesmal zu überaus
heißen Diskussionen. Er propagiert einen neuen Ansatz, das menschliche Gehirn
anzuregen und weiterzuentwickeln und zwar durch geradezu lächerlich-einfache
und unscheinbare Bodenübungen. Aber seine provozierenden Thesen sind
neurophysiologisch sehr fundiert, überzeugend und reichen vom menschlichen
Lernen, über die Rolle der Schwerkraft, der Entstehung der Angst, von menschlicher
Sexualität bis zur besonderen Rolle des Gleichgewichtsorgans und zu einem neuen
Begriff menschlicher Reife. Nicht alle seiner Thesen werden von allen
bereitwillig geschluckt, aber sie animieren, regen an, stimulieren. Doch wer
ist dieser Mann, der schließlich sogar die meisten von ihnen dazu motiviert, in
einem nahegelegenen Schulgebäude regelmäßig mit den von ihm propagierten
Bewegungsübungen auf Judomatten - mal stöhnend, mal lachend - zu
experimentieren?
Natürlich
recht: Es ist der Querkopf aus Paris. Dr. Moshe Feldenkrais - ein Typ der Sorte
Abenteurer mit einem deutlichen Schuß scharfsinniger Genialität; und ein Mann
mit einem schillernden Hintergrund: Bereits als 14-jähriger hatte er auf eigene
Initiative sein jüdisches Elternhaus in Rußland verlassen um aktiv beim Aufbau
des späteren Palästina zu helfen. In Paris hatte er, neben seiner Arbeit in der
Kernphysik mit dem Nobelpreisträger Juliot-Curie, als erster Westler einen
Schwarzgurt im Judo errungen und im Auftrag des Judo-Begründers Jigoro Kano den
ersten Judo-Club außerhalb Japans gegründet. Seine ersten Bücher handelten von
Nahkampftechniken und Selbstverteidigung, doch auch von der Arbeit des
französischen Hypnotiseurs Émile Coué. Der Kernphysiker, der kurz zuvor mit den
brisanten Koffern in England gelandet war, hatte also anscheinend noch andere
brisante Ware im Gepäck. Später - nach dieser Zeit in Schottland - wird er dann
der britischen Armee bei der Spionageaufkärung gegen die Deutschen helfen und
anschließend die Elektronikabteilung des israelischen Verteidigungsministeriums
leiten. Mit seiner erstmals in diesen Vorträgen in dem kleinen Dorf in
Schottland präsentierten Bewegungs- und Hirnakrobatikmethode wird er an
führenden Hochschulen in Nordamerika, Israel, Europas und an der Sorbonne
unterrichten und brillante Köpfe wie Moshe Dajan, Margaret Mead, Ben Gurion,
Karl Pribram und Yehudi Menuhin zu seinen begeistertsten Schülern rechnen.
Das
vorliegende Buch basiert auf den Manuskripten jener Vorträge, in denen Moshe
Feldenkrais - gerade 40 Jahre alt- in jenem schottischen Dorf erstmals die
Grundzüge seiner Methode darstellte und mit denen er damals seine
Wissenschaftlerkollegen begeisterte, provozierte, animierte (und schockierte).
Ich darf Ihnen, lieber Leser, bereits einen Vorgeschmack auf die Lektüre dieser
Vorträge machen: Seien Sie auf starken Tobak gefasst. Der Inhalt ist dazu
gedacht und geeignet ihr Gehirn zu stimulieren. Dieses Buch ist vollgepackt mit
dichten Informationen, Anregungen, und Geistesblitzen. Der wissenschaftlich noch
unbelastete Leser mag sich vielleicht auf den ersten Blick von einigen
wissenschaftlich-detaillierten Kapiteln abschrecken lassen und gleich zu den
leichter lesbaren (z.B. über Sexualität, Lernen oder Emotionen) übergehen
wollen. Doch es lohnt sich alles zu lesen! Sie werden in diesen Vorträgen
inspirierende Ideen finden, die nicht nur für Moshe Feldenkrais selbst sondern
für viele Menschen, die damit konfrontiert wurden wie eine Art Dynamit - oder
sagen wir mal 'geistiger Sprengstoff' - für zukünftige eigene Entwicklungen und
praktische Umsetzungen wirkten.
Die
heute als Feldenkrais Methode weltweit etablierte Anwendung dieser Gedanken
gliedert sich in zwei Formen: die Gruppenlektionen in 'Bewußtheit durch
Bewegung', die meist auf dem Boden liegend stattfinden, und die Einzelsitzungen
in 'Funktionaler Integration', in denen der Schüler - meist auf einem kniehohen
Behandlungstisch - durch die Anleitungen und Griffe des Feldenkrais Pädagogen
detaillierte Bewegungszusammenhänge an sich selbst erlebt. Der in der
Feldenkrais Methode vertraute Leser wird viele der, später in seiner Arbeit und
seinen Bestsellerartikeln (z.B. "Bewußtheit durch Bewegung, oder "Der
Fall Doris-Abenteuer im Dschungel des Gehirns") umgesetzten Grundgedanken
hier - sozusagen an deren dynamischen Geburtsstätte - wiederfinden. Der mit der
Methode noch nicht so vertraute Leser wird eine umfassende Einleitung in die
theoretischen Grundlagen dieser Arbeit erhalten.
Der
Titel "Der Weg zum reifen Selbst" spiegelt die Tatsache wieder, daß
es zu diesem Buch eine Ergänzung gibt, mit dem Titel "Das starke
Selbst", in welchem Moshe Feldenkrais die meisten der in diesen Vorträgen
behandelten Themen etwas weniger wissenschaftlich fundiert und vor allem
weniger detailliert darstellt wie hier. Während er in "Das starke
Selbst" den Einfluß der Psyche auf das körperliche Verhalten beschreibt,
untersucht das vorliegende Buch (dessen wörtliche Übersetzung des
Originaltitels "Körper und reifes Verhalten" lauten würde) vorwiegend
den Einfluss des körperlichen Verhaltens auf das Innenleben sowie die Frage,
wie man durch eine gezielte Veränderung des körperlichen Verhaltens nicht nur
dieses selbst sondern auch die innere Persönlichkeit schrittweise verändern kann.
Es
sollte jedoch auch beachtet werden, daß der wissenschaftliche Stand, auf dem
diese Vorträge basieren, eben der Stand der 40-er Jahre war. Einiges was damals
der neueste Schrei war, gilt heute als veraltet, überholt oder widerlegt. So
hat sich die zu jener Zeit noch sehr elektrisch animierte Sichtweise des
Gehirns heute gewandelt; und zwar zugunsten einer eher molekularbiologischen,
in der den "nassen" Regulationsprozessen immer größere Bedeutung
beigemessen wird. Während zur Zeit dieser Vorträge die Erklärung für die
meisten neurologischen Fragestellungen primär in den elektrophysiologischen
Prozessen der Nervenzellen gesucht wurde (von denen man sich vorstellte, daß
sie wie eine große zentralistisch gelenkte Telefonzentrale der 40-er Jahre
zusammenwirken), richtet sich heute das Augenmerk immer mehr auf die komplexe
Dynamik an den Synapsen.
Während
man damals - noch ganz im Banne des sog. Maschinenzeitalters - versuchte, das
Gehirn als einen eher passiven Mechanismus, der in erster Linie auf
Außenimpulse reagiert, zu beschreiben, sieht man es heute eher als einen permanent
aktiven, sich selbst stimulierenden und in erster Linie mit sich selbst
beschäftigten Organismus. Doch gerade zu letzterem - in der heutigen Zeit oft
als neuesten Trend proklamierten - Aspekt finden sich bereits Hinweise und
Kernideen in diesen frühen Vorträgen, die Feldenkrais als genialen Pionier
erkennen lassen.
Doch es
gibt auch Aspekte des Buches (etwa seine Beschreibung von
"Ermüdung"), die natürlich von der damaligen, primär auf die
elektrische Leitung fixierten Sichtweise geprägt sind, und heute mit Recht als
veraltet angesehen werden können. Auch auf dem Feld der vergleichenden
Verhaltensforschung etwa ist inzwischen der Vorgang der Prägung als
wichtiges Bindeglied zwischen angeborenem und erlerntem Verhalten eingehend
erforscht worden, was einige der im Buch vorgenommenen Unterscheidungen
(zwischen frei Erlerntem einerseits und angeborenem unveränderbarem
Reflexverhalten andererseits) relativieren würde.
Ich
habe daher in einem, in Fußnoten gegliederten Anhang einige Anmerkungen aus
heutiger Sicht gemacht. Bei der Überarbeitung dieses wichtigen Buches, das
wegen Rechtsfragen erst nach langen Jahren erstmals in deutscher Sprache
veröffentlicht wird, war es meine Überzeugung, in der Übersetzung so
originalgetreu wie möglich zu bleiben. D.h. ich habe darauf geachtet, dem Autor
nichts in den Mund zu legen, was er damals gar nicht gesagt hat, aber was aus
heutige Sicht vielleicht "richtiger wäre". Dafür finden Sie dann im
Anhang dreierlei Arten von Fußnoten: solche die korrektiv sind (mit
Hinweisen darauf wie der jeweilige Textinhalt heute anders gesehen würde), explanativ
(erläuternd, klärend), oder auch affirmativ (wenn sich z.B. ein damals
von Moshe Feldenkrais geäußerter Gedanke oder Impuls heute bereits zu einem
ausgereiften wissenschaftlichen Konzept weiterentwickelt hat)
Für die
Klärung einiger wissenschaftlicher Fragen habe ich hierzu mehrere Experten aus
den verschiedensten Gebieten zu Rate gezogen. An dieser Stelle sei deshalb vor
allem der Neurophysiologin Dr. Mariá E.Moneta (Chile) und dem Münchner
Neurobiologen Manuel Palitzsch für deren Mitarbeit gedankt. Ein großes
Dankeschön auch den Feldenkrais Pädagogen Garet Newell (London) und Edward
Dwelle (München) für deren wertvolle Unterstützung.
Wer
über die rasante Entwicklung der Lebenswissenschaften (Biologie, Medizin,
Anthropologie, etc.) informiert ist, könnte nun wegen des beträchtlichen
Zeitabständen des Textes erwarten, daß die Abhandlungen der Vorträge auf diesen
Gebieten heute nur ein amüsiertes Schmunzeln bei Fachleuten auslösen würden.
Überraschenderweise ist das aber nicht so. Dies mag teilweise daran liegen, daß
Moshe Feldenkrais ein wahrer Pionier war. Er erkannte früh jene Impulse, die
erst viel später von allgemeiner Bedeutung werden sollten. Mehrere der in diesem
Buch erstmals dargestellten Gedanken, sind später von anderen aufgegriffen und
umgesetzt worden. Andere hat er selbst in seiner praktischen
(Feldenkrais-)Methode verwirklicht. Doch es scheint mir, daß die vierzig
anschließenden Lebensjahre von Moshe Feldenkrais nach diesen Vorträgen nicht
ausgereicht haben - so überaus kreativ und dynamisch sie auch gefüllt waren -
um alle Impulse dieses Buches umzusetzen. Beim Durcharbeiten des Buches kam mir
hingegen öfters der Verdacht, daß hierin nicht nur der ursprüngliche Samen für
sein erfolgreich verwirklichtes Lebenswerk (in Form der Feldenkrais
Bewegungsmethode) dargestellt ist, sondern auch etliche andere genauso potente
Samen, zu deren Verwirklichung er noch mehrere andere Leben gebraucht hätte. Es
stimmt zwar, daß viele seiner hier dargestellten Gedanken heute in seiner
praktischen Arbeit verwirklicht sind; doch findet man auch etliche geniale
Anregungen, die bis heute nicht oder kaum umgesetzt sind.
So wäre
es meine größte Hoffnung - und ich halte das durchaus für möglich -, daß die
Veröffentlichung dieses Buches den ein oder anderen Leser dazu animieren
könnte, solche machtvollen Samen aufzuschließen und sie in fruchtbarer Weise
auf vielleicht ganz anderen Gebieten weiter zu entwickeln, - sei es z.B. in einem
neuartigen Erziehungskonzept, oder in der Entwicklung bestimmter Spiel- oder
Werkzeuge zur gezielten Stimulierung des Gleichgewichtsorgans, einer neuen
Theapie für sexuelle Störungen oder Angstneurosen, einer neuen
Selbstverteidigungmethode für Frauen, einer gezielten Anwendung in der
Geriatrie oder in einem besseren Umgang mit Säuglingen, oder ...
Ich
kann Ihnen hierzu abschließend ein Anekdote erzählen, die ich selbst zuerst von
Franz Wurm (dem Herausgeber der ersten deutschen Feldenkrais Bücher) gehört
habe: Der große russische Neurophysiologe Luria hatte ein Telegram an führende
Gehirnchirurgen in New York geschickt, in dem er aufgrund seiner neuesten
Erkenntnisse eine Operationsmethode vorschlug, um bei der damals bei schweren
Fällen von Epilepsie üblichen Lobotomie (Entfernung von größeren Gehirnteilen)
nur noch ein relativ kleines Gebiet zu entfernen. Zur Besprechung der Umsetzung
dieses Vorschlages waren etliche führende Neuralwissenschaftler anwesend,
darunter auch Karl Pribram (Neurophysiologe der Stanford University, der mit
seinem Modell des holographisch arbeitenden Gehirns damals für den Nobelpreis
nominiert wurde). Als der Eingriff genau durchdiskuitiert wurde, bekam Pribram
plötzlich eine Idee, wie und warum selbst dieser Eingriff gar nicht nötig sei
und wie man dasselbe Resultat völlig noninvasiv erzielen könne. Zur
Begründung verließ er kurz den Raum und kehrte dann mit dem vorliegenden Buch
von Moshe Feldenkrais zurück, worin ihn eine spezielle Passage, an die er sich
erinnert hatte, zu seiner Idee inspiriert hatte!
Egal ob
Sie nun Gehirnchirurg, Clown, Körpertherapeut, Hebamme, Lehrer, oder Tänzer
sind, oder ob Sie einfach bei sich selbst gelegentlich gerne eine
"noninvasive Gehirnoperation" durchführen möchten, ich bin sicher -
lieber Leser - , daß dieses Buch Ihnen wichtige Impulse geben kann. Trotz
meiner eigenen offensichtlichen Begeisterung für dieses Buch werde ich mich
jetzt aber nicht zu der abgedroschenen Phase entgleisen lassen, daß
"dieses Buch Ihr Leben verändern" wird -
...
doch ausschließen kann ich eine solche Wirkung nicht .
Robert
Schleip
280 Seiten
Preis:
€ 20,50