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Auszug aus dem Buch

Musikmachen - spannend, aber nicht verspannt

Beiträge zur Körperarbeit mit Musikern

1994 LAG-Musik Verlag, Remscheid

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Struktur und Harmonie im Körper:

Rolfing® Strukturelle Integration und Rolfing® Movement Integration

Claudius Nestvogel

Der amerikanische Körpertherapeut William Schultz berichtet, daß er als Soldat in Japan wegen hartnäckiger Kopfschmerzen zu einer einheimischen Massagetherapeutin gegangen sei. Nachdem sie seine Muskeln gründlich abgetastet hatte, zeigte sie ihm eine bestimmte Bewegung mit den Armen und fragte, ob er das öfter täte. Und tatsächlich hatte diese Masseurin, die im übrigen wie viele ihres Berufsstandes blind war, die typische Armbewegung des Trommelns, die er als Mitglied des Musikcorps täglich machen mußte, vorgeführt. Das tägliche, stundenlange Üben hatte sich so in seinen Körper "eingegraben", daß man es ertasten konnte.1)

Der menschliche Körper wird im Laufe der Jahre vom Leben geformt. Es fällt meist nicht schwer, lebensfrohe, schüchterne, draufgängerische, mißtrauische, schwermütige oder ängstliche Menschen an ihrer Körperhaltung und Bewegung zu erkennen. Ebenso läßt sich oft leicht ersehen, ob jemand z.B. Tänzer, "Schreibtischtäter", Schwerarbeiter oder Tennisspieler ist. Und die Folgen schwerer oder lang anhaltender Schmerzen oder Verletzungen sieht man nach ihrem Abklingen nicht selten noch Jahre später, etwa als Verkrümmungen, Hinken, oder als eine hochgezogene Schulter.

Der Mensch ist im Laufe der Evolution zu einer großen Bewegungsvielfalt selektiert worden. Stundenlange, immer gleiche Bewegungen dagegen bereiten ihm Probleme - nachweisbar schon seit der Einführung des Getreidemahlens zu Beginn der Jungsteinzeit 1). Die Muskulatur paßt sich an, indem immer wieder benutzte Muskeln sich stärker ausbilden, die wenig benutzten verkümmern, so daß sich das Kräftegleichgewicht verschiebt. Fehlen die nötigen kurzen Ruhepausen und Streckungen, bleiben ständig arbeitende Muskeln schließlich angespannt - und letztlich verändern sie sich anatomisch, indem zum Beispiel Muskelfasern durch Bindegewebe ersetzt werden. Je nach Belastung folgen schlechte Haltung, Gelenkverschleiß, schlechte Atmung, Druck auf innere Organe, mangelnde Durchblutung und beeinflussen den gesamten Organismus.3)

Gerade Berufsmusiker sind diesen Dauerbeanspruchungen ausgesetzt, vor allem, da ja allein schon das Halten des Instruments die Bewegungsmöglichkeiten einschränkt und eine einseitige Körperstellung verlangt, ganz deutlich z.B. bei der Querflöte, der Gitarre oder gar der Violine. Hinzu kommen berufsspezifische Stressfaktoren wie Lampenfieber oder Abneigung gegen bestimmte Musikstücke, die trotzdem täglich geprobt werden und zur Aufführung kommen.

Nach Jahren der Berufspraxis kann es deshalb leicht geschehen, daß der gesamte Körper aus dem Gleichgewicht gerät, deutlich sichtbar an angespannter Haltung und Bewegung, weniger deutlich spürbar aber auch an diffusen Störungen, Schmerzen, im psychischen Befinden bis hin zu regelrechten Krankheiten, deren Zusammenhang mit der veränderten Körperhaltung kaum noch erkennbar ist. Für eine strukturelle Sichtweise, die den Körper in seinem gesamten mechanischen Beziehungsgefüge betrachtet, sind diese Beziehungen allerdings evident.

Eine solche Sichtweise hat die Biochemikerin Dr. Ida P. Rolf (1896 - 1979) erarbeitet. Gefordert von Problemen bei sich und in ihrer nächsten Umgebung, denen mit herkömmlichen Mitteln nicht beizukommen war, hat sie sich mit Yoga, Osteopathie, Chiropraktik, Alexander Technik, Ideokinese und anderen Methoden befaßt, um im Laufe der Jahre einen eigenständigen Zugang zum menschlichen Organismus entwickeln. Dabei wurde aus einer zunächst medizinisch orientierten Suche ein pädagogischer Ansatz der Arbeit am Menschen, die Strukturelle Integration.

Wenn hier von der Körperstruktur die Rede ist, sind die räumlichen Beziehungen der einzelnen Körperteile zueinander gemeint, die auch in diversen Körperstellungen und Bewegungen erhalten bleiben. So werden z.B. O-Beine immer O-Beine bleiben, egal, ob im Stehen, Gehen, Kopfstand, Sitzen oder Liegen. Jemand mit eingefallenem Brustkorb und Rundrücken wird diese Struktur beibehalten, ob er sich nun bückt, nach oben schaut oder sich umdreht.

Einen entscheidenden Anteil an der Architektur des Körpers haben dabei die Faszien. Das sind die feinen, zähen Häute, die jedem schon einmal beim Verzehr des Sonntagsbratens aufgefallen sind: Sie hüllen die Muskeln ein und erlauben es, einzelne Muskeln voneinander abzugrenzen. Vegetarier können ganz ähnliche Häute in Apfelsinen und Grapefruits finden. Diese Häute durchziehen den gesamten Organismus, hüllen Muskeln, Muskelgruppen, Knochen und alle Organe ein, verbinden sich miteinander und bilden so ein dreidimensionales, kontinuierliches Netz. Könnte man einen Organismus - egal ob Apfelsine oder Mensch - so präparieren, daß sich bis auf diese Häute alles andere herauslösen ließe, hätte man klar erkennbar die Form und den Aufbau der Apfelsine oder des Menschen vor sich. Faszien sind Teil des Bindegewebes, zu dem Knochen, Sehnen, Bänder, Knorpel, aber auch die Flüssigkeit zwischen den Zellen in den Organgeweben zählt. In gewisser Weise stellt das Bindegewebe unseren inneren Ur-Ozean dar, der sich durch Minerale und große Moleküle bis hin zum Knochen verfestigen kann und die Räume und die Architektur schafft, in der die Organe leben und arbeiten können. Das Bindegewebe ist daher auch schon als Organ der Formgebung bezeichnet worden 4). Die Faszien bilden darin mit den kontraktilen Zellen der Muskeln eine hochstrukturierte Einheit, das myofasziale System, das es dem Organismus möglich macht, sich zu bewegen und seine Struktur bestimmt. Dieses myofasziale System bildet das Arbeitsgebiet der von Ida Rolf entwickelten Strukturellen Integration, Rolfing® 5) genannt.

Vereinfacht ausgedrückt besteht der Körper aus übereinander gestapelten Blöcken (Kopf, Hals, Arme, Brustkorb, Bauch, Becken, Beine), die von dem Fasziennetz in ihrer jeweiligen Lage zueinander gehalten werden. In der für den Menschen typischen Position, dem Stehen, fällt auf, daß der Schwerpunkt recht hoch ist und die Standfläche der Fußsohlen sehr klein. Aufrechtes Stehen ist ein komplizierter Balanceakt. Idealerweise befinden sich dabei Füße, Beine, Becken, Bauch, Brust, Schultern, Hals und Kopf derart übereinander, daß möglichst wenig Kraft zur Aufrichtung benötigt wird. Ein genaues Studium der Anatomie des menschlichen Körpers läßt erkennen, daß unter derartigen idealen strukturellen Verhältnissen die Muskeln besonders günstig arbeiten können, die Gelenke am wenigsten belastet werden und dem Körper der größte Bewegungsspielraum zur Verfügung steht. Dann wirkt die Schwerkraft sogar als Hilfe für die Aufrichtung.

Von einem solchen Ideal sind nahezu alle Menschen jedoch mehr oder weniger weit entfernt. Denn unter dem Einfluß emotionaler Faktoren, Bewegungsgewohnheiten, Verletzungen, Krankheiten, etc., verschiebt sich das Verhältnis der Teile zueinander - verändert sich also die Struktur. Die Blöcke rutschen also aus ihrer Lage, so daß z.B. der Brustkorb sich gegenüber dem Becken verdreht, der Kopf nach vorne verschoben ist oder das Knie verdreht ist. Die Schwerkraft wird dann zum Gegenspieler des Körpers und Stehen, Sitzen, Gehen müssen mit unverhältnismäßig viel mehr Anstrengung geschehen. Gewöhnlich wird dieser Vorgang als normale Begleiterscheinung des Alterns gesehen. Dem steht jedoch gegenüber, daß jene, die sich selbst geschickt zu gebrauchen wissen, die ihrer Bewegung und ihrem Verhalten geschulte Aufmerksamkeit schenken, von diesem "natürlichen Alterungsprozeß" nicht betroffen sind. Solche Persönlichkeiten findet man immer wieder unter hervorragenden Solisten, Tänzern, Schauspielern und asiatischen Kampfkünstlern.

Mit der Strukturellen Integration hat Dr. Ida Rolf eine Vorgehensweise entwickelt, mit der Menschen, die "aus den Fugen" geraten sind, wieder näher an eine ideale Struktur gebracht werden können. Denn offensichtlich sind das Fasziensystem und damit der Körper plastisch, d.h. unter den Händen eines geschulten Rolfers® formbar. Da das Fasziensystem eine kontinuierliche Einheit bildet, wirken sich Veränderungen an einer Stelle im gesamten Körper aus. Einfache Haltungskorrekturen scheitern daher oft daran, daß das komplexe Wechselspiel der einzelnen Körperbereiche nicht berücksichtigt wird. Es ist Ida Rolfs Verdienst, dieses Wechselspiel eingehend studiert und eine Lösung gefunden zu haben.

Rolfing® , Arbeitstechniken und -methoden

Im Rolfing unterzieht sich der Klient einer Serie von zehn aufeinander aufbauenden Sitzungen, in denen ein systematisches Durcharbeiten des gesamten Körpers von Kopf bis Fuß erfolgt. Während er dabei aktiv bestimmte Bewegungen ausführt, halten, drücken, schieben und ziehen die Hände des Rolfers Muskeln und Gewebe derart, daß sie sich in der Bewegung besser organisieren können. Die Art der Berührung, die von "sanft" bis "intensiv" variieren kann, ist dabei eine ganz eigene und nicht mit Massage, Akupressur oder ähnlichem vergleichbar. Es ist mehr ein ständiges Erspüren, Führen/Halten, Vergleichen und wieder Führen des Gewebes in der Bewegung. Die Aufmerksamkeit und Beteiligung des Klienten ist dabei von entscheidender Bedeutung. Für jemand mit wenig Körperbewußtheit ist das Rolfing unter anderem auch ein Bekanntwerden mit seinem Körper, da der Rolfer ihn durch Worte und Hände mit seiner Anatomie vertraut macht. Je vertrauter jemand mit sich ist, umso mehr wird er mit dem Rolfer gemeinsam den Arbeitsprozeß entwickeln können.

Diese gemeinsame Arbeit beginnt mit den äußeren Schichten des Körpers, um langsam zum Kernbereich vorzudringen, der vor allem durch diejenigen myofaszialen Strukturen gebildet wird, die das Beckensegment mit dem Rest des Körpers verbinden. Durch jahrzehntelange Experimente hat Ida Rolf herausgefunden, wie man der strukturellen Logik des Körpers folgt, um effizient und dauerhaft Veränderung zu bewirken. Diese Vorgehensweise von zehn Sitzungen ist das Vermächtnis von Ida Rolf an ihre Schüler und hat nun schon über Jahrzehnte seine Wirksamkeit immer wieder unter Beweis gestellt. Jede der zehn Grundsitzungen hat dabei bestimmte somatische Zusammenhänge im Auge und verfolgt ein bestimmtes Ziel, das auf dem aufbaut, was in den Sitzungen vorher erreicht worden ist und gleichzeitig die nächste Sitzung vorbereitet. So wird in den ersten drei Sitzungen vor allem mit oberflächlichen Strukturen gearbeitet, während die nächsten vier Sitzungen den Kern angehen und die letzten drei schließlich dazu dienen, das Erreichte zu vertiefen und dem Klienten zu einem integrierten Funktionieren zu verhelfen.

Rolfing ist Sehen, Formen und Integrieren. Vor Beginn der ersten Sitzung wird der Klient gründlich betrachtet, um herauszufinden, welches Potential an Integration innerhalb der Sitzungsserie umgesetzt werden kann. Das Alter des Klienten, sein Bewegungsalltag, seine Fitness und eventuell seine Erfahrung in "Körperarbeit" spielen dabei eine wichtige Rolle. Diese Begutachtung wiederholt sich vor jeder Sitzung, um einzuschätzen, was bisher erreicht wurde und um die Vorgehensweise der anstehenden Sitzung festzulegen. So kann die Arbeit mit dem einen Klienten in z.B. der sechsten Sitzung sich sehr von der Arbeit mit einem anderen Klienten in dessen sechster Sitzung unterscheiden. Dabei gibt es natürlich Ähnlichkeiten, denn jeder Mensch hat denselben grundsätzlichen Körperaufbau. Aber das Rolfing zeichnet sich eben nicht durch bestimmte "Griffe" oder Techniken aus, sondern durch seine spezielle Sichtweise und eine Strategie der Veränderung, die auf lange Sicht angelegt ist. Selbst nach der zehnten Sitzung geht der Veränderungsprozeß weiter, bis etwa vier bis sechs Monate später ein neues Gleichgewicht erreicht ist.

Wie bei allen Methoden der psycho-physischen Reedukation (ein gefälliges Wort muß im Deutschen leider erst noch gefunden werden) sind die Möglichkeiten des Rolfing nicht in zehn Sitzungen erschöpft. Frühestens nach etwa einem halben Jahr können weitere Sitzungen - meist in einer aufeinander aufbauenden Serie von drei oder vier - den Prozeß weiter vertiefen. Ist seit der Grundserie eine lange Zeit vergangen, kann eine solche "Mini-Serie" auch als Auffrischung dienen. Vor allem aber gibt es eine spezielle Serie von ca. fünf Sitzungen, die dazu dienen, einen bereits gerolften Menschen noch einmal deutlich weiterzubringen. Diese fortgeschrittene Arbeit unternimmt der Klient zusammen mit einem "Certified Advanced Rolfer". Auch danach ist - in entsprechendem Abstand, der die Integration gewährleistet - weitere Arbeit möglich. Allerdings sollte man Rolfing nie mit einer Massage verwechseln und sich gleich bei jeder Verspannung zu einem Rolfer begeben. Die Intensität und Effektivität des Rolfing machen einen sparsamen Einsatz dieser Methode ratsam.

Das durch das Rolfing erreichte ausgewogenere Kräftegleichgewicht kann sich auf unterschiedliche Weise manifestieren. Auch für ungeübte Augen sind natürlich die manchmal dramatischen Veränderungen von Haltung und Bewegung zu erkennen, wenn die Ausgangssituation kläglich war. Aber auch trainierte und bewegungsgeschulte Menschen mit oberflächlich gesehen "guter Haltung", deren äußerlicher Wandel nicht unbedingt augenfällig ist, erleben mehr Leichtigkeit und ein verändertes Körpergefühl. Diese subjektiven Veränderungen gehen weit über die rein physische Ebene hinaus: das Leben des Klienten wandelt sich in vielen Kleinigkeiten, das Selbstgefühl ist ein anderes. Die Integration der Struktur ist eben auch die Integration von Funktion und muß durch den engen Zusammenhang von Fühlen, Denken, Bewegen, von Körperhaltung und innerer Haltung immer eine Integration des gesamten Menschen sein. Ida Rolf ging sogar soweit zu sagen, daß wir psychologische Erklärungen immer dann zu Hilfe nehmen, wenn unser Wissen um Physiologie nicht ausreicht. Eine Vermischung von Psychotherapie und Rolfing hat sie daher immer abgelehnt. Das Rolfing befaßt sich mit der Integration von Struktur und überläßt es dem Klienten, was er mit ihr anfängt. Es ist unbestritten, daß je nach den Umständen die Auswirkungen des Rolfing denen einer Psychotherapie gleichen oder daß chronische Schmerzen oder auch andere Symptome verschwinden können. Das alles sind jedoch Nebeneffekte, nicht eigentliches Ziel der Arbeit, denn das besteht in größerer Beweglichkeit, flüssigem Zusammenspiel und innerem Zusammenhalt aller Anteile des Menschen.

Rolfing® Movement Integration

Schon Ida Rolf hatte ihren Klienten einige Bewegungsübungen mitgegeben, mit denen sie zwischen den Sitzungen und nach dem Rolfing-Prozeß den Gebrauch ihres Körpers den neuen Gegebenheiten anpassen konnten. Ida Rolfs Anregungen folgend haben zunächst die Rolferin Dorothy Nolte und die Tänzerin Judith Aston, später zahlreiche andere Rolfer und Bewegungslehrer die "Rolfing Movement Integration" (RMI) entwickelt. RMI baut auf denselben Prinzipien wie das Rolfing auf und verfolgt dieselben Ziele, ist aber eine eigenständige Methode neben dem Rolfing.

Der Rolfing Bewegungslehrer ("Rolfing Movement Teacher") hilft seinem Klienten durch Berührung und verbalen Kontakt in den Körper hinein zu spüren und ihn zu erforschen. Diese Spürarbeit findet notwendigerweise an der Grenze zwischen völlig subjektivem Erleben und objektivem Erkennen anatomischer Gegebenheiten statt. Entsprechend ist RMI einerseits ein Unterricht in Struktur und Funktion des eigenen Körpers, in dem der Klient lernt, unbewußtes Halten und Anspannen zu erkennen und bewußt zu kontrollieren, ähnlich wie es beim Biofeedback geschieht. Unter der geduldigen Anleitung des Rolfing Bewegungslehrers lernt er dabei Strukturen seines Körpers zu erspüren, von deren Existenz er möglicherweise vorher nicht einmal etwas geahnt hat. Auf der anderen Seite tauchen bei dieser Erforschung Empfindungen, Bilder, Gedanken und Phantasien auf, die mit bestimmten Körperregionen, Bewegungen und Spannungen unterschwellig verbunden sind. Solche Bilder und Phantasien haben eine große Wirkung auf somatische Vorgänge und beeinflussen vor allem unsere autonomen Reaktionen. 6) Im RMI werden daher diese spontan auftauchenden "Vorstellungsgewohnheiten" aufgegriffen, da sie mit Bewegungsgewohnheiten verbunden sind und sinnvollerweise zusammen mit diesen verändert werden.

Wenn der Körper durch diese Spürarbeit "präsent" und gelöst ist, kann an einfachen Bewegungen (z.B. den Arm heben, das Knie beugen, etc.) der funktionale, strukturgerechte Ablauf gefühlt werden. Der Rolfing Bewegungslehrer hilft dem Klienten, Bewegungen von innen heraus so auszuführen, daß das Gefühl für den Kern und für das freie Gelenkspiel erhalten bleibt. Aus diesen einfachen Bewegungen entwickeln sich ganz bestimmte Sequenzen, die der Klient außerhalb der Sitzungen wiederholen kann, um jederzeit das neugewonnene Körpergefühl wiederzufinden und zu vertiefen.

Ein Teil der Sitzungen wird immer alltäglichen Bewegungsabläufen, wie dem Gehen, dem Setzen und Aufstehen, dem Bücken, usw., gewidmet sein, je nachdem, welche Bewegungen der Klient häufig ausführt. Das kann natürlich auch Fahrradfahren, Autofahren oder Computerarbeit einschließen, und bei Musikern wird der Umgang mit dem Instrument im Vordergrund stehen. Für das Rolfing typisch ist dabei der Umgang mit der Schwerkraft - praktisch heißt das, herauszufinden, wie man bei jeder Bewegung die Unterstützung der Erde hat und darüber seine Aufrichtung findet. Ferner geht es um die Bewußtwerdung des Körpers in all seinen Teilen, so daß er als dreidimensionales Ganzes gespürt und bewegt wird, durchlässig von Kopf bis Fuß. Die Beschäftigung mit den inneren Bildern und Phantasien hilft bei komplexen Bewegungsabläufen die vielen Bausteine zu einem Ganzen zusammenzufügen, so daß die Aufmerksamkeit sich nicht in Einzelheiten verliert. Die Konzentration des Musikers ist schließlich schon gefordert genug.

Rolfing Movement Integration wird manchmal salopp als die Kunst bezeichnet, sich selbst von innen zu rolfen, mit Hilfe der Aufmerksamkeit, des Atems und der Bewegung. Sie ist eine ideale Vorbereitung auf das Rolfing, eine ideale Vertiefung und Ergänzung während des oder nach dem Rolfing.

Das Rolfing hat seit seiner Verbreitung in den sechziger und siebziger Jahren viele andere Methoden beeinflußt, vor allem die der körperorientierten Psychotherapeuten, der Masseure und Physiotherapeuten. Es hat Ableger gegeben und Versuche, Rolfing mit Psychotherapie zu verbinden. Somit nimmt Ida Rolf als Pionierin neben Elsa Gindler, F.M. Alexander, Wilhelm Reich und Moshe Feldenkrais einen zentralen Platz ein. Sie hat eine Betrachtungsweise eröffnet, mit der heute Rolfer in der ganzen Welt die Struktur und Funktion des menschlichen Körpers studieren. Der lebhafte Dialog zwischen ihnen und die Auseinandersetzung mit anderen Methoden der psycho-physischen Reedukation führen zu einer beständigen Weiterentwicklung und Verfeinerung des Rolfing in seiner Praxis und auch in seinem theoretischen Verständnis. Als Ida Rolf ihre Aufmerksamkeit auf das Bindegewebe und dessen biochemische Eigenschaften richtete, konnte sie noch nicht ahnen, daß nach ihrem Tode die enge Verbindung von Nervensystem, Immunsystem, endokrinem System und Bindegewebe in den Brennpunkt wissenschaftlicher Forschung rücken würde. Die heutigen Forschungsergebnisse der Neurobiologie und der Psycho-Neuro-Iimmunologie vermitteln zunehmend interessante Einsichten in die möglichen Wirkungsmechanismen des Rolfing. Sie gründen Ida Rolfs Vision, dem Menschen durch die Arbeit an seiner Struktur zu einem Funktionieren auf einer höher integrierten Ebene zu verhelfen, immer mehr auf klare wissenschaftliche Erkenntnisse. Dabei hat das Rolf-Institut seit jeher wissenschaftliche Studien über das Rolfing nach besten Kräften unterstützt und selbst erfolgreich in die Wege geleitet 7). Rolfer bilden also eine äußerst lebendige und kritische Gemeinschaft in der Welt der Körper- und Bewegungsarbeit.

Gerade Berufsgruppen wie Musiker, Tänzer und Schauspieler sind auf ein wirkliches Verständnis für Bewegung und ein gutes Körperempfinden angewiesen. Während es bei Spitzensportlern schon seit antiken Zeiten selbstverständlich ist, sie mit Massagen und Bewegungsunterricht zu betreuen, werden gerade Tänzer und Musiker in dieser Beziehung sträflich vernachlässigt. Was beim Tänzer offensichtlich ist, gilt auch für Musiker - ihr wichtigstes Instrument ist ihr Körper. Haben sich Haltungs- und Bewegungsprobleme aber erst einmal über Jahre angehäuft, sind herkömmliche, lokal orientierte Mittel wie Massagen und Haltungsübungen oft nur noch in der Lage, vorübergehend Erleichterung zu verschaffen, solange nicht eine umfassende Arbeit an der Struktur und den Bewegungsgewohnheiten von Grund auf in Angriff genommen wird.

Das Rolfing bietet einen sehr effektiven Weg, die durch Bewegungsgewohnheiten, emotionale Belastungen und körperliche Verletzungen durcheinander geratene Struktur des Körpers in relativ kurzer Zeit wieder in ein besseres Gleichgewicht zu bringen. Die damit verbundene Verfeinerung des Körperempfindens wird im Rolfing typischerweise von einem Gefühl innerer Kraft und Vitalität begleitet - eine innere Aufrichtung, die aus sicherer physischer Unterstützung erwächst.

Die Rolfing Movement Integration ist ein Unterricht, in dem man den Körper, der möglicherweise schon durch Rolfing "gestimmt" worden ist, zu "spielen" lernt, in all seinen Dimensionen zwischen ganz subjektiven Empfindungen und inneren Bildern bis zu den objektiv gegebenen anatomischen Strukturen. Das rolfing-typische Gefühl von innerer Kraft und physischer Integrität kann so durch den Körper im Instrument seinen Ausdruck finden.

Literatur:

Rolf, Ida: Rolfing - Strukturelle Integration - Wandel und gleichgewicht der Körperstruktur. Hugendubel, München 1989.
Rolf, Ida: Rolfing im Überblick, Physische Wirklichkeit und der Weg zu körperlicher Balance. Junfermann, Paderborn 1993.
Brecklinghaus, Hans Georg: Rolfing - Was es kann, wie es wirkt und wem es hilft. Pal, Mannheim 1992.
Brinkmann, Manuela: Unterwegs zur Vollkommenheit: Rolfing und NLP - Körper und Geist. Eine Ganzheit kommt sich näher. Junfermann, Paderborn 1989.
Johnson, Don: Wie der Körper des Protheus - Rolfing und die menschliche Flexibilität. Synthesis, Essen 1980.
Leigh, William S.: Zen-Körpertherapie. Rolf - Feldenkrais - Tanouye Roshi. Junfermann, Paderborn 1993.
Schwind, Peter: Alles im Lot: Rolfing - der Weg zu körperlichem und seelischem Gleichgewicht. Goldmann, München 1991.

Eine Liste der Rolferinnen und Rolfer können Sie beziehen bei:

European Rolfing Association e.V.
Kapuzinerstr.25
80337 München

Telefon 089-54370941
Fax 089-54370942

e-mail: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
Internet: http://www.rolfing.org

Persönliche Angaben:
Claudius Nestvogel, M.A. , Geisselstr.56, D-50823 Köln, Tel. 0221-515471.

Studium der Ethnologie. Certified Feldenkrais Practitioner. Certified Rolfer. Certified Rolfing Movement Teacher. Ausbildung in biodynamischer Psychologie und Massage (Gerda und Paul Boyesen, u.a.). Ausbildung in Bodytherapy (Dub Leigh). Abgeschlossene Fortbildung in Systemischer Therapie (Gunther Schmidt). Seit 1986 kontinuierliche Fortbildung in Amos Hetz Movement Studies.

Fußnoten :

1) William Schutz: Shiatsu. Japanese Finger Pressure Therapy. Bell, New York 1976.

2) Theya Molleson: The Eloquent Bones of Abu Hureya. Scientific American 271: 60 - 65, 1994.

3) s. zB. Joel Goldthwait: Body Mechanics. Lippincott, Philadelphia 1934.

4) Francisco J. Varela and Samy Frank: The organ of form: towards a theory of biological shape. J. Social Biol. Struct. 10: 73 - 83, 1987.

5) Die Begriffe "Rolfing®" und "Rolfer®" sind eingetragene Dienstleistungsmarken des ROLF INSTITUTE of Structural Integration, Boulder/Col., USA.

6) Allgemein macht man davon bei Entspannungstechniken, Selbsthypnose, Meditation und in der Werbung Gebrauch. Die Ideokinese, wie sie von Mabel Todd, Barbara Clark und Lulu Sweigard entwickelt wurde, benutzt den Zusammenhang zwischen Vorstellung und unwillkürlicher Muskelreaktion zum systematischen Umlernen von Bewegungsmustern. Auch im Sport hat sich das "mentale Training" zunehmend verbreitet.

7) z.B.: John T. Cottingham, Stephen W. Porges, and Todd Lyon: Effects of Soft Tissue Mobilization (Rolfing Pelvic Lift) on Parasympathetic Tone in Two Age Groups. The Journal of American Physical Therapy Assn. 68: 352 - 356, 1988.

Julian Silverman et al: Stress, Stimulus Intensity Control, and the Structural Integration Technique. Confinia Psychiatrica 16: 201 - 219, 1973.

Copyright: Claudius Nestvogel 1994.

Das Märchen vom "eingeklemmten Nerv"

Anstelle von Bettruhe und Operation raten Therapeuten Schmerzpatienten zu mehr Bewegung

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaftsteil, 17.11.98

Dr. Marcella Ullmann
Das Leben in Deutschland ist eine schmerzvolle Erfahrung - sofern vom Emnid-Institut erhobene Daten stimmen: Zwei Drittel aller Bürger klagen demnach über wiederkehrende Schmerzen, am Bewegungsapparat, 61 Prozent sind dadurch in ihrem Tagesablauf beeinträchtigt, und jeder dritte Arbeitsunfähigkeitstag wird von Rückenschmer7en verursacht. Trotzdem werden 85 Prozent der chronisch Schmerzkranken nicht ausreichend oder schlecht behandelt, wie eine bundesweite Analyse der ärztlichen Versorgung ergab,

Woher kommt diese Verbreitung der Schmerzen am Bewegungsapparat? Sind die Deutschen vielleicht nur überempfindlich geworden? Der Erlangener Mediziner Kay Brune, Präsident des diesjährigen Deutschen Schmerzkongresses in Düsseldorf, sieht in der fehlerhaften Versorgung eine der Ursachen für die starke Zunahme der orthopädischen Schmerzerkrankungen: "Die sicherste Methode gegen Rückenschmerzen ist keine Bettruhe, keine Röntgenaufnahmen und keine Chirurgie." Beim akuten Rückenschmerz sei es vielmehr wichtig, das normale aktive Leben fortzusetzen. " Operationen führen selten zu anhaltender Besserung - im Gegenteil", sagt Brune. Denn Ruhephasen trügen dazu bei, daß Schmerzen chronifizieren.

Die wirkungsvollste Rückenschmerztherapie ist daher die frühe Mobilisierung. Wer einmal in den Teufelskreis aus Schmerzen und Schonung gerät, der wird ohne ärztliche Hilfe nur schwer wieder herausfinden. Schränkt man seine körperliche Aktivität zu stark ein, verschlechtert sich die Stabilität der Wirbelsäule, was zusammen mit einer schlechten Haltung wieder zu - meistens verstärkten - Schmerzen führt.

Warum plötzlich alles weh tut

Akute Beschwerden können aber auch ohne Fehlverhalten chronifizieren. Jeder schmerzhafte Reiz löst an den äußeren Enden dünner Nervenfasern elektrische Impulse aus, die zu einer Schaltstelle im Rückenmark laufen. Dort werden durch die Impulse Überträgerstoffe (Neurotransmitter) freigesetzt, die als chemische Boten Informationen an das zentrale Nervensystem herantragen.

Da Nervenzellen lernfähig sind, verändert sich ihre Funktionsfähigkeit, wenn sie länger oder öfter in gleicher Weise gereizt werden - sie reagieren stärker. Wie Walter Zieglgänsberger vom Max Planck-Institut für Psychiatrie in München festgestellt hat, nimmt dann beim gleichen Reiz die Zahl der elektrischen Entladungen im Rückenmark zu, die Schmerzintensität steigt (SZ, 26. 3. 98).

Steigt die Erregbarkeit der Nervenzellen, so vergrößert sich auch das "rezeptive Feld", also das schmerzempfindliche Areal. Plötzlich tut nicht mehr nur die Schulter weh, sondern der ganze Arm. Manchmal kann es an diesen Nervenzellen sogar zu Impulsen kommen, ohne daß es in der Peripherie überhaupt reale Reize gab, Ähnliche Mechanismen liegen dem sogenannten Phantomschmerz zugrunde, den Amputierte empfinden.

Nicht alle Menschen entwickeln aber als Folge akuter Schmerzerlebnisse eine chronische Erkrankung. Davor schützen sie körpereigene Systeme, welche die Erregbarkeit der Zellen im Rückenmark dämpfen. In der Umgebung von erregenden Feldern finden sich nämlich auch Bereiche, die Entladungstätigkeit der Nervenzelle hemmen, sobald man sie stimuliert. Wie erregbar eine Zelle ist, wird außerdem von hormonellen und immunologischen Faktoren beeinflußt.

"Für die Therapie sind diese neurophysiologischen Erkenntnisse von großer Bedeutung", meint Hermann Locher von der Internationalen Gesellschaft für orthopädische Schmerztherapie (IGOST).Die Vorstellung, nach der Schmerzen im Bewegungsapparat vor allem als eine Folge von" eingeklemmten Nerven" auftreten, und daher durch Einrenken wieder behoben werden können, ist überholt. Neurophysiologen gehen statt dessen davon aus, daß die Manipulation am Gelenk - ähnlich wie andere physikalische Maßnahmen - den Schmerz verringert, indem sie Nervenfasern stimuliert, die Erregbarkeit der Zelle im zentralen Nervensystem dämpfen. Daher gilt auch die unter Ärzten verbreitete Regel nicht mehr, daß man nicht häufiger als dreimal hintereinander manipulieren sollte.

Im Gegenteil: Damit die erhöhte Erregbarkeit wieder dauerhaft herabgesetzt wird, muß der Schmerzreiz so lange unterbrochen werden, bis die Nervenzellen ihn wieder "vergessen" haben. Man darf bei der Therapie also nicht darauf warten, bis der Schmerz wiederkommt, sondern muß schon vorher eingreifen. "Wir gehen deshalb, was die Häufigkeit der Manipulation betrifft, heute viel individueller vor als früher", berichtet Hermann Locher. Für chronische Schmerzpatienten wurde die "serielle." Therapie eingeführt, bei der manche eine Zeitlang sogar täglich behandelt werden.

Nach Meinung des Orthopäden kann auch die Akupunktur nach dem gleichen Prinzip eingesetzt werden. Zudem gebe das neurophysiologische Modell auf molekularer und mikro-anatomischer Ebene Anhaltspunkte, wie diese Methode funktionieren könnte.

Auch Zieglgänsberger hält die Akupunktur und Elektrostimulation für Methoden, die nach den gleichen Grundlagen funktionieren wie manuelle Medizin oder Massage. Das neurophysiologische Konzept erklärt seiner Meinung nach aber auch den Einfluß psychologischer und sozialer Faktoren auf die Chronifizierung von Schmerzen. Bereits Anfang der 90er Jahre hatten US-Wissenschaftler eine Studie veröffentlicht, die zeigte, daß für die Prognose des Krankheitsverlaufs von Patienten mit Rückenschmerzen die Situation am Arbeitsplatz wichtiger ist als der Schweregrad der Erkrankung, Psyche und Körper, so Zieglgänsberger, seien ineinander verwoben. Auch das gesprochene Wort sei ein massiver Eingriff in das zentrale Nervensystem und ein Gespräch daher manchmal die beste Arznei.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung v. Redaktionsbüro Dr. Ullmann, Marienplatz 3, 80331 München.

Integrierte Körperstruktur und Menschenbild in der Kunst des alten Ägypten

Hans Georg Brecklinghaus
Certified Advanced Rolfer®

Mehr als irgendein Volk des Altertums oder der modernen Zeiten hatte der Ägypter die Empfindung des Gleichgewichts: Ordnung durch Gleichgewicht.

Gregoire Kolpaktchy 1)

In den Skulpturen der alten Ägypter erkannte Dr. Ida Rolf (1896-1979) ihr Ideal von einer höchst ökonomisch ausbalancierten menschlichen Körperstruktur wieder. Vor vielen Jahren habe ich Untersuchungen begonnen über Kunst und Kultur des alten Ägypten. Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Gebrauch des Körpers im Alltag sowie auf das Menschenbild und den spirituellen Hintergrund der bildenden Kunst. Die Ergebnisse dieser Forschung habe ich in einem Buch publiziert.2) Einige Aspekte davon sollen im Folgenden wiedergegeben werden.

Unterschiedliche Kulturen bevorzugen im Alltag und in der bildenden Kunst jeweils spezifische Typen von Körperstruktur. Wenn man diesen Unterschieden in Gegenwart und Geschichte nachgeht, stellt man fest, dass es offensichtlich eine Beziehung gibt zwischen der Entwicklung zu voller Aufrichtung des Menschen und der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Es hat nur wenige Epochen in der Kunstgeschichte gegeben, in denen ideale Prinzipien von Körperstruktur und -bewegung zur Darstellung gebracht wurden. Eine von ihnen ist die Zeit des alten Ägypten. Hier einige Beispiele:

Abb1

Abb.1: Ranofer, 2450 v.Chr.

Schreitende Personen wie der Hohepriester Ranofer waren ein häufiges Motiv ägyptischer Skulpturen und Flachbildnisse. Strukturell gesehen befinden sich die verschiedenen Körpersegmente des Ranofer in einer horizontalen Ausrichtung um die vertikale Körperachse - mit Ausnahme des Brustkorbs, der leicht nach hinten gekippt ist.

Diese „Schreitenden" wurden oft in einer eigentümlich „künstlichen" Haltung gezeigt zwischen Stehen und Gehen. Das hintere Bein und der Oberkörper verbleiben in einer senkrechten Standposition, während das andere Bein vorangeht. Diese physiologische Doppeldeutigkeit gibt wieder eine Situation des Übergangs, einen Moment der Gleichzeitigkeit von noch stehen und schon gehen. Diese Gleichzeitigkeit kann verstanden werden als Polarität von Statik und Dynamik, von immanenter Aktion und tatsächlicher Bewegung. Wie ich noch zeigen werde, ist dies ist ein Moment von Handlung aus der Präsenz des Seins heraus.

Das Bild der Tänzerin von Abb.2 ist ein Beispiel für mehr dynamische Bewegung. Die Darstellung zeigt eine Leichtigkeit der Bewegung, die ihre Ursache hat in einem Extensionsmodus der Bewegung. Lendenwirbelsäulengegend, der Rücken insgesamt und die Schultern bleiben selbst in dieser extremen Haltung lang und weit.

Abb2

Abb.2: Tänzerin, 1200 v.Chr.

Viele ägyptische Kunstwerke zeigen Menschen bei der Arbeit, beim Sport oder Spiel. Die Skulptur eines Bierbrauers (Abb.3) arbeitet in einer faltenden Bückhaltung. Knie, Becken und Rumpf balancieren sich gegenseitig aus. Dank dem Ausdehnungsmodus von Bewegung sind Körpervorderseite und -rückseite offen und weit. Fußgelenke, Knie und Hüftgelenke bleiben flexibel. Die Kraft überträgt sich vom Boden in die Körpermitte und von dort in die Arme. Die Aufmerksamkeit des Mannes ist auf die Umgebung gerichtet und gleichzeitig im Boden verwurzelt. Wie Ida Rolf einmal bemerkte, wussten die Ägypter auf irgendeine Art, dass rechtwinklig funktionierende Gelenke eine Bedingung gesunder Physiologie ist. Nicht nur bei unserem Beispiel des Bierbrauers, sondern bei den meisten ägyptischen Menschendarstellungen lässt sich diese scharnierartige Funktion von Gelenken beobachten.

Abb3

Abb.3: Bierbrauer, 2450 v.Chr.

Die ägyptischen Künstler arbeiteten nach einem ausführlichen Kanon von Regeln. Ein Gesichtspunkt dieses Kunstkanons ist für uns besonders interessant. Auf Flachbildern, also auf Bildern und Reliefs, wurde eine Person stets so dargestellt, dass der Schultergürtel frontal sichtbar war, und der Beckengürtel im Profil. Das heißt, gezeigt wurden stets die Tiefenansicht des Beckens und die Breite des Schultergürtels.

Abb4

Abb.4: Ramses und sein Sohn, 1260 v.Chr.

Diese Art der Darstellung kann als symbolische Veranschaulichung struktureller räumlicher Ordnung angesehen werden. Denn diese Ordnung ist definiert durch die drei räumlichen Ausdehnungsachsen des Körpers: die Vertikale (Ausdehnung nach oben und unten), die Horizontale (zu den Seiten) und die Tiefenachse (nach vorn und hinten). Jede Achse beinhaltet eine Spannung zwischen zwei Richtungen, und die Beziehung zwischen den drei Achsen wird beherrscht vom rechten Winkel.

Dr. Ida Rolf schrieb einmal: ,,Es gibt in der Welt verschiedene Ansichten darüber, was Gleichgewicht bedeutet, und die Definition, die wir benutzen, ist mehrere Jahrhunderte lang nicht mehr artikuliert worden. Ich vermute, dass sie zur Zeit der alten Ägypter bekannt gewesen ist... Unser Gleichgewicht - die horizontalen Referenzlinien, die wir erreichen möchten - ergibt sich durch die Bewegungsinteraktion in drei Ebenen... Nur wenn diese drei Ebenen in einer ausgewogenen Beziehung zueinander stehen, kann ich das Ergebnis als Gleichgewichtszustand akzeptieren." 3)

Die spannende Frage ist, wie diese konsequent angewandten Prinzipien eines integrierten Körpers ihren Weg in die künstlerische Darstellung des Menschen gefunden haben. War dies eine bewusste Absicht der Menschen, die vor nahezu 5000 Jahren im Land am Nil ihre Kunst entwickelt haben?

Wir wissen, dass herausragende Weise und Ärzte wie der berühmte Imhotep (2600 v.Chr.) große Kenntnisse und Fertigkeiten besaßen auf den Gebieten der Massage, der Osteopathie, der Tonusregulierung (z.B. des Beckenbodens bei Frauen, die geboren hatten) usw. Aber dennoch können die medizinischen Schriften, die noch erhalten sind, nicht die Vermutung bestätigen, dass es ein theoretisches Wissen von Körperstruktur oder ökonomische Bewegungsformen gegeben hat.

Was wir jedoch mit Sicherheit wissen, ist die Tatsache, dass die leitenden Künstler im alten Ägypten Körperformen und charakteristische Bewegungsmuster sehr präzise und einfühlsam beobachtet haben. Darüber hinaus haben die Ägypter im Alltag offensichtlich optimale Bewegungsformen gelebt. Lutz Weber hat in seiner Sport-Diplomarbeit die ägyptische Rudertechnik bearbeitet. Er konnte durch praktische Experimente nachweisen, dass die künstlerischen Darstellungen exakt wiedergeben, auf welche Art die alten Ägypter auf dem Nil und dessen Seitenkanälen gerudert haben. Mehr noch: er stellte fest, dass es sich in Bezug auf die aufzuwendende Körperkraft um einen höchst effektiven, also energieschonenden Ruderstil gehandelt hat. 4)

Demnach muss es ein intuitives Wissen um optimale Körperstruktur und Bewegung gegeben haben. Dieses Wissen hat den spezifisch ägyptischen Stil bildender Kunst stark beeinflusst. Für ein profundes Verstehen der Intentionen ägyptischer Künstler reichen diese Zusammenhänge allerdings nicht aus. Bei einer Kultur, die in allen Lebensbereichen spirituell geprägt war, müssen wir zusätzlich Bewusstsein und Menschenverständnis der alten Ägypter berücksichtigen.

Ursprung und Aufgabe der Kunst in Ägypten waren weitestgehend religiös bestimmt. Ursprünglich und für lange Zeit war die Kunst hauptsächlich ein magisches Werkzeug. So dienten z.B. magisch behandelte Skulpturen des Pharao oder einer Gottheit in Tempeln dem Zweck, die spirituelle Macht des Pharaos oder des Göttlichen für die Lebenden und für Ägypten zu bewahren.

Interessant ist, dass die Statuen des Gottes der Künstler und der schöpferischen Kräfte, Ptah, häufig auf einem Sockel standen, der nach der Hieroglyphe der Göttin Maat, der Göttin der kosmischen und irdischen Ordnung, geformt war (Abb.5).

Abb5

Abb.5: Die Göttin Maat, 1300 v.Chr.

Das bedeutet, die Grundlage der Kunst war die Maat als Personifizierung kosmischer und irdischer Ordnung. Das Hauptmerkmal kosmischer Ordnung aber lag für das Bewusstsein der Ägypter im Prinzip des Gleichgewichts. Die hohe Wertschätzung der Vorstellung eines Gleichgewichts findet sich auf allen Lebensgebieten und Ebenen des ägyptischen Lebens. Dementsprechend musste die Darstellung des Menschen in der Kunst dem kosmischen Prinzip des Gleichgewichts entsprechen. Für die Ägypter war es nicht wichtig, individuelle Eigenschaften einer Person wiederzugeben, sondern das überindividuelle Wesen des Menschen. Dieses Wesenhafte des Menschen schloss die Gestalt des menschlichen Körpers mit ein. Nicht zufällig waren in der ägyptischen Sprache die Worte für Wesen und für Gestalt identisch.

Für die Ägypter waren vertikale und horizontale Beziehungen polarer Natur Ausdruck der kosmischen Ordnung, für welche sie das Symbol des Sonnenlaufes verwendeten. Der Sonnengott hieß am Morgen (im Osten) Chepri, mittags (im Süden) wurde er Re genannt, abends (im Westen) Atum, in der Nacht (im Norden) war sein Name Osiris.

Die Weisen verwendeten diese Symbolik für die analogische Beschreibung physischer und geistiger Beziehungen der Wirklichkeit. Als eine Art Symbolsprache zur Darstellung ihres Wissens, das inspirativ und imaginativ gewonnen worden war, nutzten sie die Geometrie und hier besonders den rechten Winkel.

So wurde die Beziehung zwischen Materie und Geist sehr differenziert in einer vertikalen Polarität dargestellt. Die materielle Welt wurde als Manifestation der geistigen Welt wahrgenommen. Zusätzlich wurde die Beziehung zwischen Geist und Materie als horizontale Polarität zwischen Form und Sinn dargestellt. Für die Ägypter waren Form bzw. Gestalt voller geistiger Bedeutung bzw. Weisheit. Anders ausgedrückt: Der Sinn war identisch mit der Funktion und drückte sich strukturell aus durch die materielle Gestalt.

Innerhalb der ägyptischen Welt der Symbole war die Vertikale von großer Bedeutung. Die Ägypter nahmen nämlich als ein wesentliches Resultat der kosmischen Kräfte der Sonne das Aufrechtseins wahr. Obwohl sie nicht ausdrücklich über die Schwerkraft „gesprochen" haben, so haben sie doch die Grundlinie bei Flachbildnissen und den Sockel bei Statuen eingeführt, als Illustration ihres Gespürs für die Schwerkraft und deren Resultante, den Antigravitationsfaktor des Erdbodens.

Die Vertikale drückte ferner aus das spirituelle Sein, während die Horizontale für das Handeln in der Welt stand. Die Tiefendimension bedeutete einen besonderen Aspekt des Tuns, nämlich für das entschlossene Betreten der physischen Welt.
Nach ägyptischem Verständnis ist es ein bestimmter Aspekt der menschlichen Person, der nicht nur für die Gestalt, die Struktur des Menschen, sondern auch für die Aufrichtung verantwortlich ist. Dieser Aspekt des Menschen ist sein Ka - der in der europäischen Tradition der Esoterik Ätherleib oder auch Bildekräfteleib genannt wird.

Aus diesen - wenn auch nur grob umrissenen - Zusammenhängen des ägyptischen Verständnisses vom Menschen wird klar ersichtlich, dass die augenfällige Betonung einer gut ausbalancierten Körperstruktur in den bildnerischen Darstellungen dieser Kultur nicht zu Unrecht von Dr. Rolf, der Begründerin der Rolfing®-Methode, als frühgeschichtliche künstlerische Umsetzung eines tiefempfundenen Wissens erkannt wurde.

Sie betonte, dass Kunstwerke uns auf bewusster und unbewusster Ebene beeindrucken. Sie beeinflussen kinästhetische Empfindungen, die gefühlsmäßige Haltung zum Leben und unsere spirituelle Haltung. Das bedeutet auch, dass die altägyptische Art der Menschendarstellung als fruchtbares Symbol für unseren evolutionären Prozess des körperlich-seelisch-geistigen Sich-Aufrichtens verstanden werden kann. Daher können in unserer Zeit ägyptische Kunstwerke nützliche Gegenstände für Meditation und analoges Denken sein.

Anmerkungen

1) Gregoire Kolpaktchy, französischer Ägyptologe. Zitat aus: G.Kolpaktchy, Das ägyptische Totenbuch, Bern 1970, S.47 (aus dem Vorwort)
2) Hans Georg Brecklinghaus, Die Menschen sind erwacht, du hast sie aufgerichtet. Körperstruktur und Menschenbild in der Kunst des alten Ägypten und heute, Freiburg/Br. 1997, 320 S., 115 s/w Abb.
3) Rosemary Feitis (Hrsg.), Rolfing im Überblick, Paderborn 1993, S.76 f.
4) Lutz Weber, Versuch einer Rekonstruktion der ägyptischen Rudertechnik in der 18. Dynastie., Köln 1978

Copyright: Hans Georg Brecklinghaus (e-mail: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. )
Veröffentlichung auf dieser Webseite (www.somatics.de) mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Ida Rolf und ihr Vermächtnis

Strukturelle Integration und Rolfing Movement Integration

Claudius Nestvogel

Veröffentlicht in ballettanz, europe's leading dance magazine, August/September 2002

Eine alte Dame mit beeindruckender Ausstrahlung sitzt in einem Schaukelstuhl und beobachtet ihre Schüler, die auf Massageliegen um sie herum Klienten bearbeiten. „Es ist unter deinem Mittelfinger", ruft sie quer durch den Raum einem von ihnen zu, der gerade versucht, die entscheidende Stelle zu finden, an der er den Druck, der Haltung verändert, ansetzen soll.

Ida Rolf, berühmt für ihren „Röntgenblick" mit dem sie die genauen Stellen von verspanntem Gewebe auch tief im Körper erkennen kann, leitet eine Ausbildungsgruppe am berühmten Esalen-Institut in Kalifornien in den 60er Jahren. Fritz Perls, der Begründer der Gestalt-Therapie, hat sie hierher gebracht, nachdem sie den schweratmigen Kettenraucher mit hoffnungslosen Herzproblemen durch ihre Arbeit wieder fit gemacht hat. Nun ist sie inmitten der Gegenkultur, in der sich experimentierfreudige Menschen vom Hippie bis zum Managementprofi treffen, um mit Hilfe von neuen Methoden wie Encounter, Gestalt, Bioenergetik, Feldenkrais, Schamanismus und alternativer Psychiatrie Wege für eine zukünftige Gesellschaft zu finden.

Nachdem Ida Rolf seit den 40er Jahren ihre Arbeit vornehmlich Osteopathen und Chiropraktikern vorgestellt hatte, die darin entweder nur ein paar weitere Grifftechniken sahen, die sie ihrem Repertoire hinzufügen konnten oder aber die Arbeit unter eigenem Namen zu vermarkten suchten, fand sie hier nun endlich wirkliche Anerkennung. Staunend beobachteten die Besucher und Residenten in Esalen, wie unter Ida Rolfs Händen, Knöcheln und Ellbogen aus krummen Zivilisationsgeschädigten wieder aufrechte, energievolle Menschen wurden. Das „Rolfing", wie ihre Methode der Strukturellen Integration von ihren dankbaren Schülern bald genannt wurde, avancierte in der Folge zum Modell alternativer „Körperarbeit": Es beeinflußte viele andere Methoden und brachte eine Reihe von Ablegern hervor, wie z.B. Hellerwork, Soma, Zen-Bodytherapy, Rebalancing, etc. 1972 schließlich gründete Dr. Rolf in Boulder, Colorado das Rolf-Institut als Zentrum für Aus- und Weiterbildung.

Als eine der ersten Frauen, die in den USA zu einem naturwissenschaftlichen Studium zugelassen wurde, war sie es gewohnt, neue Wege zu gehen. Viele Jahre der Suche, des Lernens und Experimentierens hatte sie damit verbracht, Lösungen für eigene und familiäre gesundheitliche Probleme zu finden. Neben Homöopathie, Chiropraktik, Alexander-Technik waren es vor allem Yoga und Osteopathie, die ihr Denken und Handeln prägten. Als promovierte Biochemikerin war sie vom Bindegewebe des Körpers fasziniert, vor allem von den Faszien. Das sind zähe Häute, die die Muskeln durchdringen und sie, die Organe, die Knochen und den ganzen Körper umhüllen und ihm seine Form geben. Gleich den Osteopathen glaubte sie, daß diese Häute aufgrund von Verletzungen und jahrelangem schlechten Gebrauch des Körpers sich verkürzen, überdehnen und miteinander verkleben können - und daß sie durch präzise ausgerichteten Druck wieder in die richtige Fasson gebracht werden können, da sie dabei vorübergehend „fließend" werden. Für Ida Rolf ist der Körper durch Arbeit an den Faszien regelrecht formbar.

Das Ideal der menschlichen Form lernte sie bei Amy Cochran, einer osteopathischen Ärztin kennen, die ein System der Haltungsschulung entwickelt hat, das die innerste gelenknahe Muskulatur stärkt und die großen Muskeln der äußeren Schichten von überflüssiger Anstrengung befreit. Ida Rolf entwickelte dieses Ideal weiter zum „Template", dem Maßstab, an dem ihre Klienten und die Ergebnisse ihrer Arbeit mit ihnen gemessen werden. Sie übernahm auch große Teile der Übungen Cochrans; entsprechend ihrem Charakter zog sie es jedoch vor, die wünschenswerten Veränderungen der Körperform durch energische Manipulationen am Gewebe selbst vorzunehmen. Zehn Sitzungen lang bearbeitete sie systematisch nacheinander bestimmte Regionen des Körpers, um ihn von Fuß bis Kopf, von den äußeren bis zu den inneren Schichten so in der Schwerkraft auszurichten, daß er von ihr nicht niedergedrückt, sondern aufgerichtet wird - ähnlich, wie die Spannung der Zeltleinen ein Zelt aufrichtet. Da Körper und Geist nur zwei Seiten derselben Medaille sind, wirkt ihre Arbeit damit auch ordnend auf seelisches und geistiges Geschehen.

Fritz Perls hatte ihr in Esalen regelmäßig Klienten geschickt, um deren psychotherapeutischen Prozeß zu beschleunigen. Auch andere wurden bald auf diesen „psychotherapeutischen" Effekt aufmerksam und verbanden daher Rolfing und Psychotherapie miteinander - so entstanden u.a. „Posturale Integration", „Gestalt-Körperarbeit", „Lomi" und später „Hakomi Integrative Somatics". Ida Rolf wollte jedoch von psychotherapeutischen Ansätzen nichts wissen - sie sah in einem Großteil der Psychologie einen notdürftigen Ersatz für noch unverstandene Physiologie.

Als sie 1979 starb, hinterließ sie ein Erbe struktureller Arbeit mit einem bestimmten Körperideal, der Faszientheorie, der Fragestellung einer optimalen Beziehung zur Schwerkraft und dem „Rezept" der zehn Sitzungen: In jeder Sitzung, die systematisch auf der vorangegangenen Arbeit aufbaut, wird mit bestimmten Bereichen des Körpers gearbeitet, um jeweils bestimmte Ziele zu erreichen. Den Kern dieses klassischen Rolfing bilden jedoch immer das visuelle Erkennen von strukturellen Beziehungen und die praktische manuelle Arbeit daran, die nicht an bestimmte „Griffe" oder Techniken gebunden und daher auch nicht so einfach zu vermitteln ist.

Schon zu Lebzeiten Ida Rolfs gab es darum immer wieder intensive und anregende Diskussionen um die Theorie und Praxis. Strukturelle Integration war nie etwas endgültig Festgelegtes, denn wie alle Pioniere setzte sich Ida Rolf immer mit Neuem auseinander, und lebenslang mit Moshe Feldenkrais, den sie schon früh in England kennengelernt hatte. Aufgrund ihrer unterschiedlicher Auffassungen führten sie viele kontroverse Diskussionen und schätzten dabei einander sehr.

Nach ihrem Tod gingen die Meinungen zwischen den Kollegen verständlicherweise weiter auseinander. Viele waren mit der oft schmerzhaften Intensität der Manipulation nicht zufrieden und suchten sanftere und ebenso effektive Wege, die Körperstruktur nachhaltig zu beeinflussen. Teile des alten Körperideals wurden angesichts neuer Erkenntnisse aus Biomechanik und Anatomie in Zweifel gezogen. Dem mechanisch-biochemisch orientiertem Faszienmodell ist ein neurophysiologisch fundiertes Modell gegenübergestellt worden. Das „Rezept" der zehn Sitzungen erschien manchen veraltet, die statt dessen daraus Arbeits-Prinzipien extrahierten, mit denen jeweils individuell unterschiedliche Behandlungstrategien erstellt werden können.

An diesem letzten Punkt schieden sich die Geister derart, daß sich das Rolf-Institut teilte: Die Gilde für Strukturelle Integration fühlt sich der ursprünglichen Arbeit Ida Rolfs, wie sie sie im „Rezept" der zehn Sitzungen zusammengefaßt hat, verpflichtet. Dagegen öffnet sich das Rolf-Institut zunehmend anderen Möglichkeiten und integriert und adaptiert in den letzten Jahren immer mehr Verfahren der Osteopathie, vor allem Craniosakral-Arbeit und Viszerale Manipulation, bis hin zu spekulativen Konzepten über die Membransysteme des Körpers und ihre Behandlung.

Ida Rolf sah ihre Methode als einen Bestandteil des „Human Potential Movements" im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hat wiederholt erklärt, daß Rolfing keine Heilbehandlung ist, sondern eher ein pädagogisches Vorgehen: Mit Atmen, Spüren und kleinen Bewegungen beteiligt sich der Klient aktiv am Geschehen und lernt sich und seinen Körper kennen. Trotzdem wurde die Strukturelle Integration vielfach durch das bekannt, was Ida Rolf immer als kostenlose Zugabe bezeichnete, nämlich das Verschwinden von Schmerzen und Einschränkungen. So gibt es heute unter anderem auch jene Rolfer, die als Heilpraktiker und Ärzte diesen Aspekt besonders hervorheben und sich bemühen, moderne manualtherapeutische Verfahren und Konzepte in ihre Arbeit zu integrieren.

Am anderen Ende dieses breiten Spektrums der Rolfing-Vielfalt wirken die Ideen von Amy Cochran in veränderter Form weiter. Ida Rolf hatte Cochrans Bewegungen immer schon während der Sitzungen zur Ausrichtung der Klienten benutzt. Dorothy Nolte, die schon in den 50er Jahren Rolferin geworden war, erarbeitete daraus ein eigenständiges System von Unterrichtsstunden, das sie „Structural Awareness" nannte. Ida Rolf selbst war überrascht von den Resultaten dieser Kombination aus Spüren, Bewegung und Atem.

Ende der 60er Jahren begann Ida Rolf eine Kooperation mit der Bewegungsexpertin Judith Aston, aus der das „Structural Patterning hervorging. Judith Aston trennte sich später vom Institut und nannte ihre Arbeit von da an „Aston Patterning". Ende der siebziger Jahre fand sich eine Gruppe von Rolfern zusammen, um einen Programm für Bewegungsschulung zu erstellen. Denn es war immer klar gewesen, daß die reine strukturelle Arbeit in vielen Fällen einer Ergänzung bedurfte, um Klienten zu zeigen, wie sie ihr neugewonnenes Potential in alltäglichen Situationen nutzten konnten.

Das war der Beginn der „Rolfing Movement Integration", die, aufbauend auf Rolfs, Noltes und Astons Arbeit zunehmend weitere Aspekte - auch aus anderen Methoden wie z.B. Feldenkrais, Bartenieff-Fundamentals, Focusing, NLP, integrierte und sich zu einem sehr kreativen offenen Ansatz gemausert hat. Er vermittelt dem Klienten, wie er zu einer Aufrichtung von innen heraus gelangen kann, bei der er sich leicht fühlt, die Stützkraft der Erde optimal ausnutzt, reaktionsbereit ist, länger wird und in seinen Handlungen den ganzen Körper von Kopf bis Fuß harmonisch einsetzt. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit persönlichen Einstellungen zu Haltung, Bewegung und Körperlichkeit.

Durch den Einfluß des Rolfing Movement, wird auch deutlich, wie wirksam und wie wichtig fundierte Arbeit mit aktiver Bewegung und spürender Bewußtheit ist, die nicht selten den Rahmen liefert, in dem sich erst die strukturelle Arbeit am Klienten voll entfalten kann. In diesem Bereich des Spektrums finden sich daher sowohl diejenigen Rolfer wieder, die ein klares pädagogisches Verständnis von ihrer Arbeit haben, als auch diejenigen, die eher ein neurophysiologisches Theoriemodell bevorzugen.

Es ist eine großartige Leistung der Gemeinschaft der Rolfer, auch heute noch die vielen divergenten Meinungen und Arbeitsweisen als unterschiedliche Ausformungen des Impulses, den Ida Rolf gab, zu diskutieren und fruchtbar werden zu lassen. So umfaßt heute die Strukturelle Integration eine große Bandbreite an Berührungsmodalitäten, aktiven Körper- und Bewegungsexplorationen und theoretischen Modellen. Waren es früher die intensive Arbeitsweise und das 10-Stunden Protokoll, die vielfach kopiert das Rolfing zur „Mutter" der Körperarbeit gemacht haben, bleibt es das heute auch durch die große Bandbreite der Arbeit, die in der fortwährenden Auseinandersetzung mit Struktur und Funktion des Menschen, seiner Beziehung zur Schwerkraft und seiner Formbarkeit herangereift ist.

Rolfing® ist eingetragenes Warenzeichen des Rolf-Instituts Boulder, Co.

European Rolfing Association
http://www.rolfing.org/
Kapuzinerstr. 25
D-80337 München

Guild for Structural Integration http://www.rolfguild.org/The Rolf Institute http://www.rolf.org/

 

Der Weg zum reifen Selbst

Moshe Feldenkrais

Originaltitel: Body and Mature Behavior
Herausgeber: Robert Schleip, Feldenkrais Pädagoge
Junfermann Verlag (Postfach 1840, 33048 Paderborn, Tel. 05251-34034, Fax. 05251-36371)

Vorwort des Herausgebers

feldenkrais1943/44 - mitten im zweiten Weltkrieg: In einem abgelegenen Ort in Schottland hat die britische Regierung einen kleinen Kreis von als besonders wertvoll erachteten Wissenschaftlern in Sicherheit gebracht. Es sind Topwissenschaftler aus allen möglichen Bereichen, unter ihnen Dr. Moshe Feldenkrais, der kurz zuvor von Frankreich kommend, auf recht abenteuerliche Weise in England gelandet ist. Mit zwei hochbrisanten Koffer in der Hand in denen sich die technischen Informationen über die ersten französischen Kernspaltungs-Forschungen befanden, an der er selbst zuvor zusammen mit Juliot-Curie in Paris gearbeitet hatte.

Da es vielen von ihnen an diesem abgelegenen Ort an den gewohnten Forschungsmöglichkeiten und -werkzeugen mangelt, nutzen sie einen Teil der Zeit, um sich in Vortragsabenden mit anschließender Diskussion über wissenschaftliche Themen auszutauschen, an denen einzelne von ihnen arbeiten. Die Themen sind sehr unterschiedlich; nicht alle der Vortragenden verstehen es, ihr Publikum anzuregen und zu faszinieren. So kann es schon mal vorkommen, daß mehrere Zuhörer dabei einschlafen, und die Vortragenden die einzigen zu sein scheinen, die an ihrem Thema interessiert sind. Doch es gibt auch solche, die alle anregen und jedesmal sehr beliebt sind.

Einer von ihnen macht mit seinen Vorträgen und provozierenden Thesen besonders Furore. Seine Vorträge werden immer beliebter und führen jedesmal zu überaus heißen Diskussionen. Er propagiert einen neuen Ansatz, das menschliche Gehirn anzuregen und weiterzuentwickeln und zwar durch geradezu lächerlich-einfache und unscheinbare Bodenübungen. Aber seine provozierenden Thesen sind neurophysiologisch sehr fundiert, überzeugend und reichen vom menschlichen Lernen, über die Rolle der Schwerkraft, der Entstehung der Angst, von menschlicher Sexualität bis zur besonderen Rolle des Gleichgewichtsorgans und zu einem neuen Begriff menschlicher Reife. Nicht alle seiner Thesen werden von allen bereitwillig geschluckt, aber sie animieren, regen an, stimulieren. Doch wer ist dieser Mann, der schließlich sogar die meisten von ihnen dazu motiviert, in einem nahegelegenen Schulgebäude regelmäßig mit den von ihm propagierten Bewegungsübungen auf Judomatten - mal stöhnend, mal lachend - zu experimentieren?

Natürlich recht: Es ist der Querkopf aus Paris. Dr. Moshe Feldenkrais - ein Typ der Sorte Abenteurer mit einem deutlichen Schuß scharfsinniger Genialität; und ein Mann mit einem schillernden Hintergrund: Bereits als 14-jähriger hatte er auf eigene Initiative sein jüdisches Elternhaus in Rußland verlassen um aktiv beim Aufbau des späteren Palästina zu helfen. In Paris hatte er, neben seiner Arbeit in der Kernphysik mit dem Nobelpreisträger Juliot-Curie, als erster Westler einen Schwarzgurt im Judo errungen und im Auftrag des Judo-Begründers Jigoro Kano den ersten Judo-Club außerhalb Japans gegründet. Seine ersten Bücher handelten von Nahkampftechniken und Selbstverteidigung, doch auch von der Arbeit des französischen Hypnotiseurs Émile Coué. Der Kernphysiker, der kurz zuvor mit den brisanten Koffern in England gelandet war, hatte also anscheinend noch andere brisante Ware im Gepäck. Später - nach dieser Zeit in Schottland - wird er dann der britischen Armee bei der Spionageaufkärung gegen die Deutschen helfen und anschließend die Elektronikabteilung des israelischen Verteidigungsministeriums leiten. Mit seiner erstmals in diesen Vorträgen in dem kleinen Dorf in Schottland präsentierten Bewegungs- und Hirnakrobatikmethode wird er an führenden Hochschulen in Nordamerika, Israel, Europas und an der Sorbonne unterrichten und brillante Köpfe wie Moshe Dajan, Margaret Mead, Ben Gurion, Karl Pribram und Yehudi Menuhin zu seinen begeistertsten Schülern rechnen.

Das vorliegende Buch basiert auf den Manuskripten jener Vorträge, in denen Moshe Feldenkrais - gerade 40 Jahre alt- in jenem schottischen Dorf erstmals die Grundzüge seiner Methode darstellte und mit denen er damals seine Wissenschaftlerkollegen begeisterte, provozierte, animierte (und schockierte). Ich darf Ihnen, lieber Leser, bereits einen Vorgeschmack auf die Lektüre dieser Vorträge machen: Seien Sie auf starken Tobak gefasst. Der Inhalt ist dazu gedacht und geeignet ihr Gehirn zu stimulieren. Dieses Buch ist vollgepackt mit dichten Informationen, Anregungen, und Geistesblitzen. Der wissenschaftlich noch unbelastete Leser mag sich vielleicht auf den ersten Blick von einigen wissenschaftlich-detaillierten Kapiteln abschrecken lassen und gleich zu den leichter lesbaren (z.B. über Sexualität, Lernen oder Emotionen) übergehen wollen. Doch es lohnt sich alles zu lesen! Sie werden in diesen Vorträgen inspirierende Ideen finden, die nicht nur für Moshe Feldenkrais selbst sondern für viele Menschen, die damit konfrontiert wurden wie eine Art Dynamit - oder sagen wir mal 'geistiger Sprengstoff' - für zukünftige eigene Entwicklungen und praktische Umsetzungen wirkten.

Die heute als Feldenkrais Methode weltweit etablierte Anwendung dieser Gedanken gliedert sich in zwei Formen: die Gruppenlektionen in 'Bewußtheit durch Bewegung', die meist auf dem Boden liegend stattfinden, und die Einzelsitzungen in 'Funktionaler Integration', in denen der Schüler - meist auf einem kniehohen Behandlungstisch - durch die Anleitungen und Griffe des Feldenkrais Pädagogen detaillierte Bewegungszusammenhänge an sich selbst erlebt. Der in der Feldenkrais Methode vertraute Leser wird viele der, später in seiner Arbeit und seinen Bestsellerartikeln (z.B. "Bewußtheit durch Bewegung, oder "Der Fall Doris-Abenteuer im Dschungel des Gehirns") umgesetzten Grundgedanken hier - sozusagen an deren dynamischen Geburtsstätte - wiederfinden. Der mit der Methode noch nicht so vertraute Leser wird eine umfassende Einleitung in die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit erhalten.

Der Titel "Der Weg zum reifen Selbst" spiegelt die Tatsache wieder, daß es zu diesem Buch eine Ergänzung gibt, mit dem Titel "Das starke Selbst", in welchem Moshe Feldenkrais die meisten der in diesen Vorträgen behandelten Themen etwas weniger wissenschaftlich fundiert und vor allem weniger detailliert darstellt wie hier. Während er in "Das starke Selbst" den Einfluß der Psyche auf das körperliche Verhalten beschreibt, untersucht das vorliegende Buch (dessen wörtliche Übersetzung des Originaltitels "Körper und reifes Verhalten" lauten würde) vorwiegend den Einfluss des körperlichen Verhaltens auf das Innenleben sowie die Frage, wie man durch eine gezielte Veränderung des körperlichen Verhaltens nicht nur dieses selbst sondern auch die innere Persönlichkeit schrittweise verändern kann.

Es sollte jedoch auch beachtet werden, daß der wissenschaftliche Stand, auf dem diese Vorträge basieren, eben der Stand der 40-er Jahre war. Einiges was damals der neueste Schrei war, gilt heute als veraltet, überholt oder widerlegt. So hat sich die zu jener Zeit noch sehr elektrisch animierte Sichtweise des Gehirns heute gewandelt; und zwar zugunsten einer eher molekularbiologischen, in der den "nassen" Regulationsprozessen immer größere Bedeutung beigemessen wird. Während zur Zeit dieser Vorträge die Erklärung für die meisten neurologischen Fragestellungen primär in den elektrophysiologischen Prozessen der Nervenzellen gesucht wurde (von denen man sich vorstellte, daß sie wie eine große zentralistisch gelenkte Telefonzentrale der 40-er Jahre zusammenwirken), richtet sich heute das Augenmerk immer mehr auf die komplexe Dynamik an den Synapsen.

Während man damals - noch ganz im Banne des sog. Maschinenzeitalters - versuchte, das Gehirn als einen eher passiven Mechanismus, der in erster Linie auf Außenimpulse reagiert, zu beschreiben, sieht man es heute eher als einen permanent aktiven, sich selbst stimulierenden und in erster Linie mit sich selbst beschäftigten Organismus. Doch gerade zu letzterem - in der heutigen Zeit oft als neuesten Trend proklamierten - Aspekt finden sich bereits Hinweise und Kernideen in diesen frühen Vorträgen, die Feldenkrais als genialen Pionier erkennen lassen.

Doch es gibt auch Aspekte des Buches (etwa seine Beschreibung von "Ermüdung"), die natürlich von der damaligen, primär auf die elektrische Leitung fixierten Sichtweise geprägt sind, und heute mit Recht als veraltet angesehen werden können. Auch auf dem Feld der vergleichenden Verhaltensforschung etwa ist inzwischen der Vorgang der Prägung als wichtiges Bindeglied zwischen angeborenem und erlerntem Verhalten eingehend erforscht worden, was einige der im Buch vorgenommenen Unterscheidungen (zwischen frei Erlerntem einerseits und angeborenem unveränderbarem Reflexverhalten andererseits) relativieren würde.

Ich habe daher in einem, in Fußnoten gegliederten Anhang einige Anmerkungen aus heutiger Sicht gemacht. Bei der Überarbeitung dieses wichtigen Buches, das wegen Rechtsfragen erst nach langen Jahren erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht wird, war es meine Überzeugung, in der Übersetzung so originalgetreu wie möglich zu bleiben. D.h. ich habe darauf geachtet, dem Autor nichts in den Mund zu legen, was er damals gar nicht gesagt hat, aber was aus heutige Sicht vielleicht "richtiger wäre". Dafür finden Sie dann im Anhang dreierlei Arten von Fußnoten: solche die korrektiv sind (mit Hinweisen darauf wie der jeweilige Textinhalt heute anders gesehen würde), explanativ (erläuternd, klärend), oder auch affirmativ (wenn sich z.B. ein damals von Moshe Feldenkrais geäußerter Gedanke oder Impuls heute bereits zu einem ausgereiften wissenschaftlichen Konzept weiterentwickelt hat)

Für die Klärung einiger wissenschaftlicher Fragen habe ich hierzu mehrere Experten aus den verschiedensten Gebieten zu Rate gezogen. An dieser Stelle sei deshalb vor allem der Neurophysiologin Dr. Mariá E.Moneta (Chile) und dem Münchner Neurobiologen Manuel Palitzsch für deren Mitarbeit gedankt. Ein großes Dankeschön auch den Feldenkrais Pädagogen Garet Newell (London) und Edward Dwelle (München) für deren wertvolle Unterstützung.

Wer über die rasante Entwicklung der Lebenswissenschaften (Biologie, Medizin, Anthropologie, etc.) informiert ist, könnte nun wegen des beträchtlichen Zeitabständen des Textes erwarten, daß die Abhandlungen der Vorträge auf diesen Gebieten heute nur ein amüsiertes Schmunzeln bei Fachleuten auslösen würden. Überraschenderweise ist das aber nicht so. Dies mag teilweise daran liegen, daß Moshe Feldenkrais ein wahrer Pionier war. Er erkannte früh jene Impulse, die erst viel später von allgemeiner Bedeutung werden sollten. Mehrere der in diesem Buch erstmals dargestellten Gedanken, sind später von anderen aufgegriffen und umgesetzt worden. Andere hat er selbst in seiner praktischen (Feldenkrais-)Methode verwirklicht. Doch es scheint mir, daß die vierzig anschließenden Lebensjahre von Moshe Feldenkrais nach diesen Vorträgen nicht ausgereicht haben - so überaus kreativ und dynamisch sie auch gefüllt waren - um alle Impulse dieses Buches umzusetzen. Beim Durcharbeiten des Buches kam mir hingegen öfters der Verdacht, daß hierin nicht nur der ursprüngliche Samen für sein erfolgreich verwirklichtes Lebenswerk (in Form der Feldenkrais Bewegungsmethode) dargestellt ist, sondern auch etliche andere genauso potente Samen, zu deren Verwirklichung er noch mehrere andere Leben gebraucht hätte. Es stimmt zwar, daß viele seiner hier dargestellten Gedanken heute in seiner praktischen Arbeit verwirklicht sind; doch findet man auch etliche geniale Anregungen, die bis heute nicht oder kaum umgesetzt sind.

So wäre es meine größte Hoffnung - und ich halte das durchaus für möglich -, daß die Veröffentlichung dieses Buches den ein oder anderen Leser dazu animieren könnte, solche machtvollen Samen aufzuschließen und sie in fruchtbarer Weise auf vielleicht ganz anderen Gebieten weiter zu entwickeln, - sei es z.B. in einem neuartigen Erziehungskonzept, oder in der Entwicklung bestimmter Spiel- oder Werkzeuge zur gezielten Stimulierung des Gleichgewichtsorgans, einer neuen Theapie für sexuelle Störungen oder Angstneurosen, einer neuen Selbstverteidigungmethode für Frauen, einer gezielten Anwendung in der Geriatrie oder in einem besseren Umgang mit Säuglingen, oder ...

Ich kann Ihnen hierzu abschließend ein Anekdote erzählen, die ich selbst zuerst von Franz Wurm (dem Herausgeber der ersten deutschen Feldenkrais Bücher) gehört habe: Der große russische Neurophysiologe Luria hatte ein Telegram an führende Gehirnchirurgen in New York geschickt, in dem er aufgrund seiner neuesten Erkenntnisse eine Operationsmethode vorschlug, um bei der damals bei schweren Fällen von Epilepsie üblichen Lobotomie (Entfernung von größeren Gehirnteilen) nur noch ein relativ kleines Gebiet zu entfernen. Zur Besprechung der Umsetzung dieses Vorschlages waren etliche führende Neuralwissenschaftler anwesend, darunter auch Karl Pribram (Neurophysiologe der Stanford University, der mit seinem Modell des holographisch arbeitenden Gehirns damals für den Nobelpreis nominiert wurde). Als der Eingriff genau durchdiskuitiert wurde, bekam Pribram plötzlich eine Idee, wie und warum selbst dieser Eingriff gar nicht nötig sei und wie man dasselbe Resultat völlig noninvasiv erzielen könne. Zur Begründung verließ er kurz den Raum und kehrte dann mit dem vorliegenden Buch von Moshe Feldenkrais zurück, worin ihn eine spezielle Passage, an die er sich erinnert hatte, zu seiner Idee inspiriert hatte!

Egal ob Sie nun Gehirnchirurg, Clown, Körpertherapeut, Hebamme, Lehrer, oder Tänzer sind, oder ob Sie einfach bei sich selbst gelegentlich gerne eine "noninvasive Gehirnoperation" durchführen möchten, ich bin sicher - lieber Leser - , daß dieses Buch Ihnen wichtige Impulse geben kann. Trotz meiner eigenen offensichtlichen Begeisterung für dieses Buch werde ich mich jetzt aber nicht zu der abgedroschenen Phase entgleisen lassen, daß "dieses Buch Ihr Leben verändern" wird -

... doch ausschließen kann ich eine solche Wirkung nicht .

Robert Schleip